TV-Kritik im Sekundentakt: Oft sind die Kommentare auf dem sogenannten Second Screen viel unterhaltsamer als das, was auf dem Fernsehbildschirm zu sehen ist. Die Twittritik auf ZEIT ONLINE erklärt, was die Zuschauer wirklich beschäftigt.

Lilly ist weg – jenes Geschwür im Kopf von Felix Murot (Ulrich Tukur), mit dem der Wiesbadener LKA-Ermittler gern eine gepflegte Konversation unterhielt und das ihm bei seinem letzten Tatort vor zwei Jahren eine schwindelerregende Psychosenrevue mit vierbeinig tanzenden Kessler-Zwillingen bescherte.

Der nächste Fall soll nun Schwindelfrei über die Bühne gehen: Hereinspaziert! Vorhang auf und Manege frei für den Zirkus-Zampano Ulrich Tukur! Als holpernder Sänger, stinktierfarbener Pianomann und bauchredender Clown tritt der Ermittler an, um seinen neuen Fall zu klären. Aber zunächst stellt sich die existenzielle Frage: In welchem Zeitalter sind wir eigentlich?

Könnte etwa die Metaebene die Täterin im Musikantenstadl sein? Wer hat sich das ausgedacht? Federico Fellini, Aki Kaurismäki, Alfred Hitchcock, Helge Schneider, David Lynch oder Peter Zadek – die üblichen Verdächtigen sind in Twitterhausen schnell entlastet. Schauspieler und Regisseur Justus von Dohnányi ist der Schurke, der falsche Fährten legt.

Also Avanti Dilettanti! Die Frage nach dem Mörder stellt sich zunächst nicht, lösen Sie dennoch diesen nicht existenten Fall. Unwissend, dass die Fuldaer Kanalisation um zwei Leichen reicher ist, ermitteln Murot und seine Assistentin Magda Wächter (Barbara Philipp) im Manegenstaub. Hat der Zirkusdirektor jemanden mit seinen Augenbrauen erstochen? Ist die Dompteurin mit dem Bariton tatsächlich eine Frau? War der Biss des Magenta-Pudels oder etwa der der Bauchrednermaske giftig? Zum Glück hat man hilfsbereite Kollegen.

Während Murot ein undurchsichtiges Geflecht aus ungesühnten Verbrechen des Balkankriegs überhaupt erst zu erkennen versucht, seziert Professor Börne die ebenfalls noch nicht existente #GroKo.

Die völlige Abwesenheit des Verbrechens macht es dem Kommissar in dieser traumhaften Nummernrevue nicht leicht, messerscharf zu kombinieren. Zwei Golden Girls schwärmen den feschen Murot bei klarer Kloßbrühe in seinem Stammcafé an und auch die Assistentin Wächter macht baumstammstarke Fortschritte bei einer Fleischwurst-Liebelei. Doch was, bitteschön, ist in diesem Tatort eigentlich des Pudels Kern?

Augen auf – die Handtasche isst mit! Am Fuldaer Frühstücksbuffet gibt es ein Bacon verschlingendes und laut schmatzendes Damenaccessoire zu bewundern, in dem was genau sitzt? Eben. Nix.

Das ganz große Nichts-Nada-Niente des Falls löst am Ende dieser Nihilisten-Revue Frank, die Pascha-Puppe, in makaberer Versform auf, und der Zirkus des Grauens darf endlich weiterziehen. Bleibt nur noch die Frage: Was ist mit den Leichen?

Ein frommer Wunsch für das fiktive Kopfzerbrechen am Sonntagabend sei am Ende gestattet: Lilly, komm bald wieder, bald wieder nach Haus'.