Der Mann rennt um sein Leben. Die Kamera hängt an seinem jungen Gesicht, an dem das Blut eines erschossenen Kameraden gerinnt. Es ist der junge Gefreite Gary Hook und er scheint ebenso überrascht, mitten in den Nordirlandkonflikt hineingeraten zu sein, wie der Zuschauer.

’71 heißt der Film von Yann Demange schlicht. Es gibt keine Textzeile, keine Off-Stimme, die informiert über dieses Jahr 1971, in dem die Auseinandersetzungen zwischen irischen Protestanten und Katholiken, zwischen der britischen Armee und der IRA tödlich wurden. Weil die nordirischen Sicherheitskräfte die Unruhen in ihrem Land nicht mehr beherrschen konnten, hatte die lokale Regierung 1969 die britische Armee um Hilfe gebeten. Zunächst waren die Soldaten willkommen gewesen – auch unter den Katholiken, weil sich die Menschen endlich Schutz und Ruhe von ihnen versprachen. "Die Mädchen haben uns ihr Höschen zugeworfen", flapst einer der Soldaten im Film. Doch schon wenige Monate später haben sich die britischen Soldaten tief in den Konflikt hineinziehen lassen und ihre neutrale Haltung aufgegeben. 1971 werden die Brits von vielen Katholiken nur noch gehasst.

Am 5. Februar 1971 stirbt der erste Soldat in Belfast. Im Juli gründet die Armee ihrerseits eine Undercover-Abteilung, die MRF, die in Zivil nach IRA-Mitgliedern fahnden soll, manche auch ermordet und durch weitere Anschläge in der Bevölkerung die Stimmung radikalisiert. Im Herbst 1971 ist Belfast ein Schlachtfeld. Demange wirft uns mitten hinein.

Dazu braucht er kaum mehr als die paar Szenen des Vorspanns. Gary Hook (Jack O’Connell) ist zur Army gegangen, weil er mit seinem kleinen Bruder kein Zuhause, sondern nur ein Kinderheim kennt. Weil er endlich irgendwohin gehören will, wo er anerkannt wird und Geld verdient. Über Krieg macht er sich wenig Gedanken. Korea liegt lange zurück. Was sich in Nordirland anbahnt, bekommen die jungen Männer kaum mit. Bis sie nach Belfast abkommandiert werden. "Ich bleib ja im Land", tröstet Gary den Bruder beim Abschied.

Gleich am ersten Tag nach ihrer Ankunft sollen die Neuankömmlinge der nordirischen Polizei helfen, ein Haus zu sichern. Es wird nach Waffen der IRA durchsucht. Der Einsatz gerät zum Fiasko.

Schwankende Kamera in den Straßen von Belfast

Vier Drehtage haben Demange und sein Team gebraucht, um mit etwa hundert Schauspielern die wachsende Wut der Menschen auf der Straße zu proben, ihre Ohnmacht, ihren Hass, die Versuche Vereinzelter, die Eskalation zu verhindern. Sein Kameramann hat sich irgendwann mitten hineingestellt und die verzerrten Gesichter scheinbar selbst schwankend und stolpernd gefilmt. So sehen wir, wie die Lage immer unübersichtlicher wird – auch für den Gefreiten Gary Hook. Ein kleiner Junge schafft es, sich ein Gewehr von den Soldaten zu schnappen und wegzulaufen, Hook erhält mit einem Kameraden den hastigen Befehl, es ihm wieder abzunehmen, sie laufen dem Kind nach, werden von ihrer Truppe getrennt und als der Einsatz wenig später ziemlich ungeordnet abgebrochen wird, bleiben die beiden zurück und Hooks Kamerad wird von einem IRA-Mann erschossen. Den Rest des Films versucht der Überlebende, zurück in seine Kaserne zu finden.

Es ist Demanges erster Kinofilm. Bislang hat er vor allem Musikvideos, Werbespots und TV-Mehrteiler gedreht, etliche davon wurden ausgezeichnet. Es scheint eine hervorragende Schule gewesen zu sein. Demange lässt seinen Protagonisten mit der Kamera kaum los. Wenn Hook, schier irre vor Angst, durch Hinterhöfe sprintet und über Ziegelsteinmauern klettert, flieht sie mit ihm. Als er schließlich keuchend zusammenbricht, bleibt sie auf seinem ungläubigen, fassungslosen Gesicht. Mit dem Soldaten wird der Zuschauer durch die einbrechende Nacht gejagt, orientierungslos, hilflos. Einmal explodiert eine Bombe unmittelbar hinter ihm und Demange macht auch uns danach minutenlang taub. Über die Tonspur ist nur dumpfes Dröhnen zu hören.

Selbst wenn der Nordirlandkonflikt lediglich die historische Kulisse lieferte, wäre ’71 noch ein sehr sehenswerter Action-Thriller.