Verfluchter Katholizismus

Zum Teufel aber auch! Man möchte diese unbeteiligte Kamera beiseitestoßen, hinlaufen zu Maria und das Mädchen endlich in den Arm nehmen, ihr beistehen – gegen ihre Mutter, die vor lauter Predigen vergisst, ihre Tochter zu herzen. Gegen den Vater, der zwar immer anwesend, aber nie für sie da ist. Gegen den Pfarrer, der ihr einflüstert, Gott freue sich über ihre Opfer. In dieser Logik hat Maria Gott am Ende die größte Freude bereitet: Sie ist für ihn gestorben.

Dietrich Brüggemann schildert in seinem Film Kreuzweg die letzten Lebenstage von Maria, einer zarten 14-Jährigen, die optisch durchaus dem Klischee einer Heiligen entsprechen mag. Glatt und wohlgescheitelt hängt der jungen Schauspielerin Lea von Acken das lange Haar um ihr votivkerzenweißes Gesicht mit den dunklen Augen und den schmalen Lippen. In Kreuzweg haben sie so gut wie nichts zu lächeln.

Das Mädchen lebt mit den Eltern, drei jüngeren Geschwistern und einem französischen Au-pair einen strengen Alltag, der von den Regeln der Pius-Bruderschaft beherrscht wird, im Film "Paulus-Bruderschaft" genannt.

Maria steht kurz vor ihrer Firmung, was sie durchaus mit Vorfreude erfüllt. Sie glaubt fest an Gott und möchte alles richtig machen. Auf Erden bedeutet das jedoch: versuchen, es dem Pfarrer und der Mutter recht zu machen. Keinen Keks während des Firmunterrichts, regelmäßig beichten, den kleinen Bruder nicht unnötig oft auf den Arm nehmen, nicht lügen und ganz bestimmt nicht die Einladung des netten Schulkameraden zu dessen Kirchenchor annehmen, wo satanisches Liedgut gesungen wird: Gospels und Soul.

In ihrem Bemühen stößt Maria rasch an Grenzen. Körperlich ist sie schon schwach und wird immer schwächer, in der Schule wird sie gemobbt, weil sie sich weigert, zu Popmusik Sport zu treiben, vor allem aber leidet sie psychisch.

"Wer Kindern in diesem Alter erzählt, ein höheres Wesen könne in jeden Winkel seines Herzens hineinsehen und dort Sünden ausfindig machen, missbraucht sie seelisch", sagt Anna Brüggemann, die nach 3 Zimmer, Küche, Bad wieder das Drehbuch gemeinsam mit ihrem Bruder geschrieben hat. 

Kinder als Gotteskrieger

Der Pfarrer würde das freilich anders sehen: Er mag die Kinder, die in den Firmunterricht und in seinen Beichtstuhl kommen. "Wappne dich gegen die Verlockungen da draußen", sagt er und rät, bei Werbeplakaten den Blick zu senken. Selbst das eigene Spiegelbild sei gefährdend. Damit das auch jeder beherzigt, durchforscht er später durchs Beichtgitter eindringlich die Seele der Firmlinge nach lässlichen Sünden und Todsünden. 

Florian Stetter spielt diesen Pfarrer wunderbar einfühlsam – und umso perfider. Er ist kein Mann kalter Worte. Er ist freundlich, zugewandt, schafft es, dass ihm die Jugendlichen im Unterricht zuhören, ermuntert sie und begeistert vor allem Maria mit Geschichten von heiligen Kindern als Gotteskrieger.

Kindersoldaten im Kampf für Gott? Das mag zunächst an den medial so thematisierten, militanten Islam erinnern. Doch die Brüggemanns beschäftigen sich lieber mit Stoffen, die sie aus eigener Anschauung kennen. Als Jugendliche hatten sie in den 1990er Jahren über ihre Familie Umgang mit der Pius-Bruderschaft. Die Begegnungen haben sie bis heute beschäftigt.

Missbrauch eines starren ideologischen Systems

Katholische Amtsträger stehen seit Jahren heftig in der Kritik – vor allem wegen ihres Umgangs mit sexuellem Missbrauch. Doch dieses Thema interessiert die Brüggemanns nicht – es schmeckt ihnen zu bitter nach Sensationslust. Den Missbrauch, den sie anprangern, ist der eines starren ideologischen Systems.

"Dachte man Ende des 20. Jahrhunderts noch, die Religion habe ausgedient, beobachten wir auch in unseren eigenen Kreisen die Wiederkehr einer Art religiöser Sehnsucht", sagt Dietrich Brüggemann. Es ist das wachsende Bedürfnis nach unverrückbaren Werten und einfachen Wahrheiten. "Das eigene Leben ist so zersplittert", erklärt es sich der Filmemacher, "man schwimmt in einem Meer von sinnlosem Aktionismus". Viele Menschen verlangten nach klaren Botschaften. "Bete! Kommuniziere! Opfere dich auf! Sei Apostel!", heißt es bei der Pius-Bruderschaft. Es ist der Wahlspruch ihres Kindermagazins Die Kreuzfahrer.

Die radikalen Katholiken der Pius-Bruderschaft stehen nicht im Abseits, sondern im Zentrum der Katholischen Kirche. 2009 nahm Joseph Ratzinger als Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation von vier ihrer Bischöfe zurück, von denen einer den Holocaust geleugnet hatte. Die Entscheidung wurde in Kirchenkreisen als Schritt hin zur Pius-Bruderschaft gewertet.

Die hat zwar viel weniger Anhänger als die römisch-katholische Kirche insgesamt – die Angaben schwanken zwischen 150.000 und 500.000 – aber die laufen derzeit nicht weg. Im Gegenteil. Päpstlicher als der Papst, das findet Zuspruch.   

Der Film folgt dem Dogmatismus formal mit seiner ultra-rigiden Kameraführung. Er besteht aus nur 14 Einstellungen, die bis zu 15 Minuten lang sind – die 14 Stationen des Kreuzwegs, vom Todesurteil bis zur Grablegung. Die lebenden Tableaus beklemmen und befreien den Zuschauer gleichermaßen. Wie auf einer Theaterbühne kann man die Augen wandern lassen, wohin man will: in die Breite, in die Tiefe. Dennoch fühlt man sich binnen Kurzem nicht nur von der bedrückenden Geschichte, sondern auch von dieser so unbeteiligt wirkenden Kamera provoziert. "Verdammt", möchte man fluchen, "beweg dich!"

Doch als die Kamera endlich ihren einzigen Schwenk ausführt, ist alles vorbei: Maria hat den einzigen autonomen Akt vollzogen, der ihr geblieben ist. Wir sehen in ihr Grab – und durch die endlich befreite Kamera in den Himmel.