Wes Andersons Geschichte ist verpackt wie eines der herrlichen Cremetörtchen von Zuckerbäcker Mendl, die im Film immer mal wieder vernascht werden: Bevor man zu Baiser und Sahne vorgedrungen ist, darf noch eine hübsche rosa Schleife aufgeknüpft, ein minzblaues Schächtelchen auseinandergeklappt und das Seidenpapier abgestreift werden. Bevor man an den Kern der Geschichte von The Grand Budapest Hotel kommt, hat man sich schon durch drei Schichten Andersonscher Verpackungskünste sehen dürfen.

Da betritt eine junge Frau den Friedhof des imaginären Städtchens Lutz, geht vorbei an einem Punk und drei singenden Herren, um sich vor der Büste des Schriftstellers zu verneigen, dessen Buch sie ans Herz drückt. Dann sehen wir ebenjenen Schriftsteller im Seniorenalter, aber höchst lebendig, wie er versucht, Inspiration zu erklären, was nicht einfach ist, weil ihn dabei ein Lausebengel mit einer Spritzpistole ärgert. Wir folgen diesem Romancier dennoch zurück in dessen junge Jahre, als er von der wundersamen Geschichte des Luxushotels hörte, und dann sehen wir – wie in einem aparten Scherenschnitt – eine Standseilbahn hinauffahren zu dem prachtvollen "Grand Budapest Hotel" von 1932, das damals noch aussah wie ein rosafarbener Zauberberg. Hier nun endlich beginnt die skurrile Tragikomödie um ein gestohlenes Gemälde, einen Erbenstreit und eine wunderbare Männerfreundschaft.

Mit dem Eröffnungsfilm zur diesjährigen Berlinale ist dem amerikanischen Filmemacher wieder ein besonders hübsches Stück Kino geglückt. Diesmal sei es die Atmosphäre in den Büchern von Stefan Zweig gewesen, vor allem in dessen Memoiren Die Welt von Gestern, die er hatte einfangen wollen, sagt Anderson nach der Vorstellung seines Films in Berlin. Es sei das Gefühl, dass etwas unwiederbringlich vergangen ist. So durchweht auch diesen Film von Wes Anderson, wie schon Die Royal Tenenbaums und zuletzt Moonrise Kingdom, eine charmante Nostalgie.

Natürlich wirkt es ziemlich selbstironisch, wenn ein Festival zu seinem Auftakt ausgerechnet einen Film zeigt, der das Vergangene feiert und in dem die Gegenwart alles andere als glorreich daherkommt. Von Zukunft ist erst gar nicht die Rede. Aber so was kann der Berlinale-Chef Dieter Kosslick sehr gut: lachen, wenn er von irgendwo kritisiert wird, sein Festival habe immer weniger Weltpremieren (diesmal sind es 18 bei 23 Filmen im Wettbewerb). Wenn es heißt, der Glamour der Jury wäre matt oder die großen Stars kämen gar nicht nach Berlin (es kommen Matt Damon, Tilda Swinton, Bradley Cooper, Bill Murray, Charlotte Gainsbourg, Léa Seydoux, Jude Law, Catherine Deneuve, George Clooney). Wenn andere die Berlinale weit hinter Cannes und Venedig setzen, wo sie doch mit über 400 Filmen mehr zeigt als die anderen zusammen und – Großstadtvorteil! – am allermeisten Zuschauer hat: fast 500.000.

Diese Berlinale zelebriert das Vergangene

Die Berlinale kann sich dieses Jahr ein bisschen Selbstironie locker leisten. Und genau wie ihr Eröffnungsfilm Grand Budapest Hotel kann die Berlinale gerne mal das Vergangene zelebrieren (die Wiedereröffnung des Zoo Palastes), ohne ein klein bisschen angestaubt zu wirken. Nicht nur die Filme der zahlreichen Nebenreihen des Festivals zeigen, wie es im Kino weitergeht, sondern auch im Wettbewerb selbst werden Filme von so jungen Filmemachern wie Celina Murga und Benjamin Naishtat laufen, beide aus Argentinien, und Sudabeh Mortezai, die im Iran und in Österreich aufwuchs.

Aber zunächst gab es am Donnerstag als Auftakt, quasi als ein erstes rosa Schleifchen, Wes Anderson mit einem wirklich großen Schauspielerensemble und viel Detailverliebtheit. Er entwarf lila Uniformen für den Concierge Ralph Fiennes und die anderen Hotelangestellten, kürzte die Hosenbeine des 17-jährigen Hauptdarstellers Toni Revolori so lange, bis der aussieht wie ein 13-Jähriger. Er erfand so bellend deutsche Namen wie "Henckel-Burgersdorf" und "Schloss Lutz". Malte der hübschen Agatha (Saoirse Ronan) ein Feuermal in der Form Mexikos auf die Wange und verpasste der schönen Tilda Swinton (als Madame D) ein Make-up und Kontaktlinsen, die sie älter aussehen lassen als hundert.

Ebenso viel Perfektion legt Anderson in die Führung der Kamera (wieder Robert Yeoman). Die Bewegungen, die sie ausführt, folgen einer sehr präzisen Choreografie, die vom rechten Winkel beherrscht wird. Oft folgt einer vertikalen eine horizontale Bildachse. Die Figuren agieren entweder frontal oder im exakten Profil. Diese Künstlichkeit ist eine der verlässlichen Zutaten für Andersons Komik. Hier streben alle danach, es ganz bestimmt richtig machen zu wollen, die Guten wie die Bösen – was natürlich witzig, am Ende auch ein bisschen tragisch ist. So verlässt man den Kinosaal mit einem herrlich zartbitteren Geschmack im Mund, der großen Appetit macht auf das ganze Festival.