Manch erlebnisorientierter Kinobesucher dürfte diesen Film als eine Provokation auffassen. Man kann es auch filmischen Reduktionismus nennen: Ein Fußballspiel in erbarmungswürdiger VHS-Qualität, rumänische Liga 1988, es ist Winter, der Kalte Krieg noch sehr kalt, es fällt ziemlich viel Schnee. Pausenlos schwirren die Flocken auf die Köpfe und Regenschirme der Zuschauer, auf das Spielfeld des Bukarester Nationalstadions an diesem Tag, ein Jahr bevor Nicolae Ceaușescus Herrschaft endete. Das Spiel soll trotz des Wetters stattfinden, das Duell der beiden stärksten Fußballmannschaften des Landes: Steaua gegen Dinamo, 22 Männchen, die in den kommenden 90 Minuten auf dem weißbraunen Rasen durchs Gestöber stolpern und rutschen, grätschen und bluten werden.

Fußball lässt sich das kaum nennen, aber um Fußball geht es in Corneliu Porumboius' Film The Second Game auch nur am Rande. Der Originalkommentar des Spiels ist stumm, man hört nur zwei Stimmen aus dem Off: Eine gehört Porumboiu selbst, die andere seinem Vater Adrian. Adrian Porumboiu stand damals als Schiedsrichter auf dem Platz, ein stämmiger Mann in Schwarz, dem das Weiß in den Haaren hängt, der versucht, das Geholze auf dem kaum Platz zu nennenden Spielfeld irgendwie unter Kontrolle zu bekommen.

Steaua gegen Dinamo: der Verein der Armee gegen den Verein der Securitate, den Gehilfen des kommunistischen Menschenversuchs. Auf dem Platz kämpft Böse gegen Böse, die Ränge sind voll bei diesem gloriosen Sportereignis. Er habe dieses Spiel nicht gerne geleitet, sagt der Vater seinem Sohn. Aus gutem Grund. Nicht lang zurück lag ein Telefonanruf bei Familie Porumboiu. Als der Sohn abnahm, sagte eine Stimme, dass er seinen Vater nie wieder sehe, wenn der noch einmal so schlecht pfeife. Das erzählt Corneliu Porumboiu, bevor das Spiel beginnt, alleine aus dem Off.  

Der Zuschauer behält diese Drohung im Kopf, während er den Schiedsrichter beobachtet, zwischen Spielern wie Hagi, Lupescu, Raducioiu, Petrescu, Stelea, die goldene Fußballergeneration eines Landes, die es bald in die westeuropäischen Ligen ziehen wird.  Spieler aber, die hier auf dem Platz nach und nach unfreiwillig zu Repräsentanten eines Regimes werden, das sich intern eine Schlacht liefert, hier die Soldaten, dort die Geheimpolizei – zwei Machtblöcke, die ein Jahr später, wieder im Schnee, aufeinander schießen sollten.  Porumboiu, neben Cristi Puiu, Radu Muntean und Cristian Mungiu, einer der klügsten und radikalsten Filmemacher Rumäniens, lädt diese unscharfe Spielaufzeichnung langsam zu einer großen Allegorie auf.

Unter Kommunisten gibt es keinen Streit

Das ist das zweite Spiel, von dem der Titel des Films erzählt, der vordergründig auf einfachste Weise funktioniert: Sohn fragt, Vater antwortet. Es ist kein strenges Verhör, sondern eine scheinbar harmlose Plauderei, in der der Vater immer noch stolz ist auf seine souveräne Spielleitung.  Zwischendurch klingelt ein Telefon, einer der beiden bekommt eine SMS, sie bestellen Kuchen und schweigen manchmal minutenlang. Der Film lässt sich als schnelle Zwischenarbeit des Regisseurs begreifen, was jedoch an der Brillanz dieses Einfalls nicht ändert. 

Ob der Schnee nicht poetisch sei, fragt der Sohn. Nein, daran sei nichts poetisch, sagt der Vater. Ob das nicht auch guter Film wäre, fragt der Sohn. Nein, sagt der Vater. Warum schwenkt die Kamera auf die frierenden Zuschauer, fragt der Sohn, als es ein Streit auf dem Platz beginnt. Weil es unter Kommunisten keinen Streit gibt, sagt der Vater. Und: Warum pfeifst du nicht, obwohl das ein Foul war, fragt der Sohn. Man muss das Spiel laufen lassen, sagt der Vater.   

Das hat natürlich eine gewisse Komik, doch hinter dem Witz und der Lakonie des spontanen Dialogs fragt der Film: Gibt es das berühmte Richtige im Falschen? Wie hat sich die Generation der Eltern verhalten? Kann man unparteiisch sein in einem System, das nur eine Partei kennt? Am Ende sagt der Sohn zu seinem Vater ernst und tröstend: Ich glaube, du bist ein guter Schiedsrichter gewesen. Das Spiel endete übrigens null zu null.