Man hat sich Michel Houellebecq noch nie als glücklichen Menschen vorgestellt. Dazu bestand kein Anlass. Das Altmännerhaar, der Parka, der ihm um die Schultern hängt wie ein Panzer, aus dem der Schriftsteller mit seinem traurigen Schildkrötenblick auf die Welt guckt, die er für schrecklich und verdorben hält. Wir sind Gekreuzigte der modernen Gesellschaft, so klingt es in seinen Romanen, und uns bleiben nur die Triebe, das leere Dahinkopulieren, und sollte das missglückte Dasein des Menschen überhaupt zu verbessern sein, dann nur durch den Segen der Gentechnik oder andere technizistische Erlösungsfantasien.

Geahnt wurde ja schon oft, dass hinter dem Weltekelpaket Houellebecq ein glühender Moralist steckt. Neu ist allerdings, dass er offenbar ein verblüffend guter Komödiant ist. Zu besichtigen ist das nun in Guillaume Niclouxs pseudodokumentarischem Film Die Entführung des Michel Houellebecq, der auf der Berlinale Premiere feierte.

Auch darin sieht man den Schriftsteller – ja, er spielt sich selbst! – zunächst mit zu kurzer Hose durch Paris schlurfen. Ein koboldhaft gekrümmtes Männchen, das hier umständlich einen Pullover anprobiert, dort ein paar Zeilen schreibt und seinem Tod entgegenraucht, ehe ihn drei Männer in einer grünen Kiste eintuppern und aufs Land verfrachten. Die überaus heitere Burleske beginnt.

Die sympathischen Kidnapper

Fortan sitzt Houellebecq angekettet in einem rustikal bemöbelten Bungalow. Die Einschränkung der Kampfzone. Aber der Schriftsteller scheint nicht überrascht zu sein über das, was ihm widerfährt. Seine sympathischen, durchaus empfindsamen Kidnapper bringen ihm Essen, zünden ihm die Zigaretten an, die Houellebecq wie ein Atemgerät am Leben zu halten scheinen. Und nachdem klargestellt wurde, dass dem Autor hier nichts passiert, parliert man über die unmögliche Existenz von Polen, über Alexandriner und den Literaturbetrieb ("heterosexuell", "pädophil"). Houellebecq wird eine Prostituierte bestellt, ein Arzt untersucht ihn wegen seiner Ohrenschmerzen ("Könnte psychosomatisch sein oder ein Tumor"). Während alle warten, dass jemand das Lösegeld zahlt, weihen die Kidnapper den gebrechlichen, linkischen Autor in die Grundlagen des Kampfsports ein – eine großartige Szene.

Indes: Wer hat die Entführung eigentlich befohlen? Vor drei Jahren ist Michel Houellebecq tatsächlich verschwunden. Während einer Lesereise war er monatelang wie vom Erdboden verschluckt. Es kursierten die wüstesten Spekulationen, ob Al-Kaida verantwortlich sei oder sogar die französische Regierung. Niclouxs Film fantasiert also das mit großer Lust aus, was Medien so berichten, wenn der Tag lang ist. Und dieses Spiel mit Fiktion und Wahrheit über seine Person dürfte auch Houellebecqs seltsamer Faszination entgegengekommen sein, sich als Opfer eines Verbrechens zu imaginieren. 

Houellebecq zwischen genial und debil

In seinem Roman Karte und Gebiet enthauptete Houellebecq sich selbst mit einem Laserschneider. Schon da war nicht eindeutig, ob die Romanfigur Houellebecq mit seinem Autor identisch war oder er einfach nur die Vorstellung befriedigte und hintertrieb, die die Öffentlichkeit von ihm hat: ein verinselter, verwahrloster Zwangscharakter, der im Pyjama literweise spanischen Rotwein trinkt und stundenlang Cartoons guckt.

Auch im Film oszilliert Houellebecq zwischen genial und debil, zwischen Geist und Bedürftigkeit. In einem Moment sagt er seine Sätze wie: "Ich glaube, Brüssel ist ein guter Ort für einen Bürgerkrieg", wenig später sitzt er vor einer Satintapete und ruft nach einem Feuerzeug wie ein unartiges Kind. Die Kamera entdeckt Essensreste in seinem aschenbechergrauen Gesicht, dann folgt sie ihm wieder, wie er Gedichte aufs Papier wirft. Ob das nun der wahre Houellebecq ist, der sich hier mit Freude lächerlich macht, oder er nur die Parodie seiner selbst spielt, die weiß, dass sie "eine europäische Berühmtheit" ist – es ist von grandioser Komik. Und wer so hingebungsvoll verzweifelt die Marseillaise pfeift, kann eigentlich kein schlechter Mensch sein. Glücklich allerdings sieht er dabei immer noch nicht aus.