TV-Kritik im Sekundentakt: Oft sind die Kommentare auf dem sogenannten Second Screen viel unterhaltsamer als das, was auf dem Fernsehbildschirm zu sehen ist. Die Twittritik auf ZEIT ONLINE erklärt, was die Zuschauer wirklich beschäftigt.

Das organisierte Verbrechen verhält sich zum unorganisierten wie das Müsli zur Milch: Letzteres ist in ersterem zwar enthalten, aber nicht mehr zweifelsfrei definierbar. Für den Tatort taugt die Bandenkriminalität eigentlich gar nicht. Die Tat ist nicht isoliert ermittelbar, da sie kein singuläres Ereignis, sondern ein Strukturprinzip ist. Und doch liebt der Sonntagabendkrimi das Milieu des "OV", wie es der Polizeijargon abkürzt.

So fegt in Brüder der fiktive Nidal-Clan durch Inga Lürsens und Stedefreunds vermeintlich ruhiges Bremen und in Hamburg wird demnächst Til Schweiger als Nick Tschiller mit viel Blei gegen den Astan-Clan antreten. Beiden Fällen liegen realistische Vorbilder zugrunde.

Was auf Twitter viel Diskussionsstoff für die Thilo Sarrazins der hiesigen Verschwörungstheoretik liefert.

Die Bremer Familie aus dem Libanon verbreitet also überall Angst und Schrecken, geriert sich als Staat im Staate, verachtet Polizei, Gesetz, sogar Gerichte. Dennoch passt das Thema Organisierte Kriminalität irgendwie besser in Millionenstädte mit Kiez und Flair und echtem Flughafen als ins betuliche Bremen mit dem gemütlichen Steintorviertel als Hotspot.

Vielleicht ist es ja diese geografischen Glaubwürdigkeitslücke, die der Tatort des kleinsten Bundeslandes mit Zappelschnitten und klinischen Close-ups zu kompensieren trachet. Zum Beispiel mit artifiziellen Vollgasfahrten durch nächtliche Häuserschluchten.

Als Charaktere interessant sind aber nicht etwa die organisierten Verbrecher mit ihrem verschrobenen Männer-, Gewalt- und Umgangsethos. Sondern vielmehr deren Strafverteidiger, der nicht nur auf Twitter viele an eine Witzfigur erinnert.

Als hätte der Bremer Tatort all so was nötig! Verglichen mit so mancher Metropolenausgabe hat sich Inga Lürsens unterfinanzierte Stadtstaatsversion nämlich zu einer Konstante unterhaltsamer Seriosität entwickelt.

Da wirkt es auch nicht allzu überdreht, dass Brüder nach ein paar kindlichen Brausepulver-Spielereien in einem ziemlich testosteronsatten Finale endet.

Die angeblich so biedere Welt der spröden Sabine Postel bringt es im Publikumsranking mittlerweile auf beachtliche Coolnesswerte. Ist Lürsen am Ende gar die geilere Tschiller? Und Bremen Deutschlands neuer Hipster-Tatort?