Laufsteg ins Nichts – Seite 1

Manche sind der Meinung, Mode sei nur eine Hülle und Haute Couture die exaltierteste Form eines Handwerks, das an der Oberfläche vergeblich nach Sinn suche. Ein Film über den wohl bedeutendsten Modeschöpfer des 20. Jahrhunderts könnte dieses Bild zurechtrücken, indem er den Zauber der hohen Schneiderkunst auf die Leinwand bringt. Ein Film wie Yves Saint Laurent vielleicht, der die Panorama-Sektion der 64. Berlinale im wieder auferstandenen, hochglanzpolierten Zoo Palast eröffnete.

Im Jahr 1957 fand hier zum ersten Mal das Berliner Filmfestival statt. Im Jahr 1957 setzt auch die Geschichte ein, die der Regisseur Jalil Lespert erzählen möchte. Yves Henri Donat Mathieu-Saint-Laurent ist gerade 21, als er dazu berufen wird, nach Christian Diors Tod das renommierte Couture-Haus zu übernehmen. Ein blasser, schmaler, schüchterner Jüngling mit unglaublichem Talent, aber ein Chefdesigner? Frankreichs Modebranche ist konsterniert. Und sie wird es bleiben, denn Saint Laurent hat nicht vor, nach ihren Mustern zu schneidern.

Was er stattdessen tut, ist dem Film allerdings nicht so wichtig. Im Zentrum steht die Beziehung zu seinem Lebenspartner Pierre Bergé, mit dem er 1961 ein eigenes Label gründete und der noch heute, fünfeinhalb Jahre nach Saint Laurents Tod, den Nachlass verwaltet. Yves und Pierre, der Künstler und sein Geschäftsmann, der Manisch-Depressive und seine Mitte, der Drogensüchtige und der Nüchterne, der Labile und der Stabile. Ein Sujet, das sich das Mainstreamkino nicht schöner wünschen kann: wie man ein Genie liebt.

Yves quarzt, zeichnet, quarzt, trinkt, quarzt, drapiert, quarzt, deliriert. Und dann ist mal wieder Modenschau. Pierre telefoniert, verhandelt, telefoniert, zeigt Verständnis, telefoniert, organisiert, telefoniert, steht im Hintergrund, denn dann ist mal wieder Modenschau. So geht es 20 Jahre lang, bebildert von hübschen Pariser Bohème-Clichés und ihrer exotistischen, postkolonial-hippiesken Entsprechung in Saint Laurents Anwesen in Marrakesch. Bis 1976, als sich das Paar vorübergehend trennt und der Film endet.

Mit diesen Schauspielern hätte man Besseres erzählen können

Es ist den überzeugenden Schauspielern zu verdanken, dass sich in der filmischen Langeweile überhaupt so etwas wie Enttäuschung einstellen kann: Mit Pierre Niney (Titelfigur), Guillaume Gallienne (Bergé) und Nikolai Kinski in einer Nebenrolle als jungem Karl Lagerfeld hätte man sicherlich auch ganz andere Dinge erzählen können. Zum Beispiel die Kulturgeschichte, die da heimlich vorbeihuscht, während sich die Kamera mal wieder an den adretten Mannequins festsaugt.

Zwar zeigt der Film Saint Laurents revolutionäre Entwürfe, aber er blendet ihr gesellschaftliches Echo aus. Er zeigt die mutige Trapezlinie, mit der der Designer seine erste Dior-Kollektion bestritt, aber nicht die Befreiung von der weiblichen Wespentaille, die sie brachte. Er zeigt Frauen im Anzug, aber verschweigt, welchen Skandal die neue feminine Stärke auslöste. Er zeigt farbige Models, aber lässt unerwähnt, dass Saint Laurent der Erste war, der sie beschäftigte. Anhand jedes Defilées hätte man erklären können, wie Mode als soziale Praxis funktioniert und wie dieser Meister mit seinen Arbeiten am Geschlechterverständnis gerüttelt hat.   

Ganz zu schweigen von der Sinnlichkeit, durch die das Schneiderhandwerk zur Kunst wird. Die Geburt der Idee, die Liebe zum Material, die Hingabe zur Verarbeitung, das gemeinschaftliche Fieber, das alle erfasst, die an der Kollektion mitarbeiten. Eben das, was Haute Couture ausmacht. Dem Mangel an echter Sinnlichkeit versucht der Regisseur mit Sexszenen beizukommen: Das Genie, ja, das vögelt rum, führt ein ausschweifendes Leben und ist eben nicht ganz zurechnungsfähig. Aber dafür chic.

So steht Jalil Lesperts Yves Saint Laurent am Ende wie ein hohler Götze da. Dass dieser Mann die Mode umgekrempelt hat, musste extra in den Abspann geschrieben werden, es wäre sonst unbemerkt geblieben. Lesperts Film hätte einem großen Publikum etwas Wahrhaftiges erzählen können und banalisiert stattdessen seinen Helden und dessen Lebenswerk. Mode ohne Sinn ist eben nur eine Hülle. Und der prächtigste Kinosaal ist nichts ohne gute Filme.