Ich glotz TV – der Name unserer Kolumne ist Programm. Unsere Autoren schalten sich ein. Und verraten, welche Phänomene sie im deutschen Fernsehen entdecken.

Der gemeine Fernsehzuschauer zieht den Großteil seiner Befriedigung bekanntlich daraus, sich am Elend anderer zu ergötzen. Bestens eignet sich hierfür das Doku-Format "vorgegaukelte Lebenshilfe" (für ein möglichst armes Würstchen eine möglichst ebenso wurstige Frau zu finden beispielsweise). Zuträglich für solch niedere Berauschung sind freilich auch alle Spielarten von Castingshows, vor allem diejenigen um Gesangstalente, in denen der Spott über die Schwächen der Kandidaten durch Verbalattacken Bohlenscher Manier noch mal kräftig befeuert wird.

Je drastischer die Häme, desto größer das Vergnügen derer, die sich vor dem heimischen Bildschirm räkeln und währenddessen unbehelligt ihre Urteile in die Welt twittern oder bloggen können. Kein Zufall, dass RTL – nachdem die neueste Staffel von DSDS allenfalls mäßig angelaufen ist – prompt eine neue, aus Israel gekaufte Show angekündigt hat: Rising Star. Alles noch viel interaktiver und alles noch viel mehr auf Couch-Potatoes-Regiment ausgelegt. Mittels einer App kann hier in Echtzeit über Aufstieg oder Ausscheiden der Kandidaten bestimmt werden.

Wer an dieser Stelle geneigt ist, den endgültigen Abgesang auf den TV-Gesang anzustimmen, der kann allerdings sein kleines Wunder erleben, wenn ihn der Zufall oder die familiären Verpflichtungen dazu verleiten, Kika, den Kinderkanal, einzuschalten. Zum mittlerweile sechsten Mal geht hier eine Staffel von Dein Song an den Start, ein Contest für junge Songwriter zwischen acht und 18 Jahren. 16 Kandidaten stellen ihre Kompositionen einer Jury vor. Manche Titel sind in der ersten Runde noch ein bisschen Kraut und Rüben, manche Töne wackeln noch ganz schön. Einige Auftritte sind schon umwerfend, wie jener der 15-jährigen Hannah, die sofort in die Finalshow geschickt wird. Anderes ist schlichtweg hinreißend. Wenn ein Zwölfjähriger mit Gitarre und roten Wangen ein Liebeslied an ein imaginäres Gegenüber vorträgt zum Beispiel.

Aber darum geht es eigentlich gar nicht. Das Geheimnis der Sendung ist ein anderes: die Emphase und Teilhabe der Jury. Wenn Opernsänger Rolando Villazón die Augen aufreißt und strahlt,  wenn Mieze auf ihrem Stuhl zu tanzen anfängt oder wenn Roman Lob sich einem Luft-Schlagzeug-Solo hingibt, dann wird man vom Glück durchrieselt (und es sollen in solchen Momenten auch schon ein paar Tränen der Rührung gesichtet worden sein), weil man unmittelbar spürt, wie die Kinder gerade angesichts dieser Honorierung ihrer Leistung vom Glück durchrieselt werden. Der Leser mag die Sentimentalität entschuldigen. Aber sich mal wieder für 25 Minuten in einer ironiefreien TV-Zone aufhalten zu dürfen, das ist wirklich ein Erlebnis.

Natürlich gibt es auch bei den hier vorgestellten Kompositionen etwas zu kritisieren. Dass nur mit vier Harmonien gearbeitet wird, dass der Refrain den Strophen zu ähnlich ist. Aber wer Dein Song schaut, der kann sich, falls er es vor lauter Bohlen-Gepöbel und Twitter-Schelten vergessen hat, zeigen lassen, was das eigentlich ist: konstruktive Kritik. Und er kann noch etwas lernen: sich für andere zu begeistern. Verzeihung, so banal ist es manchmal. Wer will, kann auch einfach über Bürger Lars Dietrich lachen, der als Pausenclown und Blödel-Moderator gemeinsam mit seiner Kollegin Johanna Klum die Kandidaten an die Hand nimmt.

Nach fünf Tagen Vorrunde dann der erste bittere Moment: Vier Kandidaten kommen direkt ins Finale. Acht dürfen nach Ibiza ins Komponisten-Camp reisen. Für vier der jungen Kandidaten aber reicht es nicht, vorerst. Dass sie weiter Musik machen müssen, dass sie sich nächstes Jahr wieder bewerben sollen. Rolando Villazón sendet einen flammenden Blick und eine geballte Faust. "Versprich das!"

Plötzlich: empörtes Aufheulen von der anderen Seite des Sofas. Die Jury hat Jan Willem das Ticket ins Komponisten-Camp verwehrt. Vielleicht war der Auftritt des 18-jährigen Pianisten mit seiner dunkelblonden Tolle und den coolen Stiefeln für den Geschmack der Jury schon ein wenig zu professionell? Wir wissen es nicht. Das Urteil einer Achtjährigen aber ist eindeutig: "Die Jury sind Arschlöcher." Morgen sehen wir weiter.

Verbrauch der Autorin während der Sendung
: ein Käsebrot (Emmentaler auf Ziegenfrischkäse), vier Cherry-Tomaten (gesalzen und gepfeffert).

Persönliche Bewertung: 11 von 3 Punkten auf der DSDS-Skala.