Der Kriegsheld ist müde. Außerdem sitzt ihm seine Mutter ihm Nacken, die den leicht stoischen Baran (Korkmaz Arslan) nach 15 Jahren Unabhängigkeitskampf endlich verheiratet sehen will. Wie sich die Eliten Kurdistans diese neue Unabhängigkeit vorstellen, zeigt der irakisch-kurdische Regisseur Hiner Saleem in der Eröffnungssequenz seines Films My Sweet Pepper Land. Da kommt ein repräsentativ zusammengestelltes Tribunal – ein Arzt, ein Richter und ein Mullah – in einem Schulhof zusammen, um einen wichtigen Schritt hin zur neuen politischen Ordnung zu machen: die erste Todesstrafe im unabhängigen Kurdistan, kurz nach dem Sturz Saddam Husseins. "Wir brauchen starke Institutionen," erklärt der Sicherheitschef. Der Galgen, an dem der arme Hund gehängt werden soll (ein Basketballkorb), erweist sich dann aber als weniger stark als der Staat, der das Todesurteil exekutiert. Er bricht unter der Last des Verurteilten zusammen. In einem gemeinsamen Kraftakt, der eher an Peter Sellers als an Law and Order erinnert, gelingt es den Volksvertretern schließlich, den Delinquenten hinzurichten. Von oben scheißt noch ein Schwarm Vögel auf die starken Männer des Staates. "Möge Gottes Gnade auf ihn herabkommen", gibt der Geistliche dem Verurteilten mit auf den Weg.

Was als politische Farce auf die völkerrechtliche Situation in Saleems Geburtsland Kurdistan beginnt, schlägt nach den Titelcredits einen dezidiert anderen Ton an. Baran misstraut den neuen Strukturen. Er sieht die Ideale seines Unabhängigkeitskampfes von machtgierigen alten Männern verraten, und da ihn seine Mutter zudem mit ständig neuen Bewerberinnen in den Wahnsinn treibt, lässt er sich von seinem Vorgesetzten kurzerhand an einen – selbst für die regionalen Verhältnisse – Außenposten der Zivilisation versetzen. In Qamarian, einer unzugänglichen Bergregion im Grenzland von Kurdistan, der Türkei und dem Irak, herrschen noch vorrevolutionäre Zustände. Hier bekleidet Baran den Posten des neuen Polizeichefs. Ein Job mit hoher Fluktuationsrate, wie an der Bildergalerie seiner Vorgänger zu erkennen ist, denn der Clanführer herrscht über das Land noch nach stammesrechtlicher Tradition und kontrolliert überdies den Waffen- und Medikamentenschmuggel.

Ein Fremder wie Baran fällt in dieser Gegend auf wie ein bunter Hund. Er ist aber nicht der einzige Neuankömmling. Die junge Govend (Golshifteh Farahani bringt etwas Glamour in die felsige Landschaft) ist aus der Stadt zurückgekehrt, um ihre alte Stelle als Grundschullehrerin wieder anzutreten – sehr zum Missfallen ihrer konservativen Brüder und der männerbündischen Dorfgemeinschaft, der eine alleinstehende, gebildete Frau in ihrer Mitte ein Dorn im Auge ist. Da steht sie also mit hipper Pelzmütze und Fellmäntelchen ähnlich verloren in der Gerölllandschaft herum wie einst Claudia Cardinale in Spiel mir das Lied vom Tod bei ihrer Ankunft in Sweetwater. Solche Bezüge auf den Italowestern sind natürlich in erster Linie der archaischen Landschaft geschuldet, die der französische Kameramann Pascal Auffray, dessen Dokumentarfilm-Vergangenheit hier unverkennbar ist, mit einem schönen Blick für die karge Epik einfängt.

Der politische Ton des Prologs verstummt in My Sweet Pepper Land bald zugunsten eines gut geölten Genre-Rhythmus. Saleem bedient sich des Westerns, um die Machtverhältnisse am Rande der Zivilisation darzustellen. Das Genre erlebt derzeit eine kleine Renaissance (gerade läuft der österreichische Heimatfilm Das finstere Tal in den Kinos, auf der Berlinale bekam die chinesische Version No Man's Land viel Lob). Sein übersichtliches Repertoire an Typen und Motiven bietet sich für gesellschaftliche Mikrostudien geradezu an. In My Sweet Pepper Land ist es dann auch ein altes Topos des Genres, das die Handlung motiviert: der alternde Revolverheld, der ein letztes Mal zur Waffe greifen muss. Darin hat Saleems Film wie die Italo-Variante fast schon etwas Spätwesternhaftes.

Die unvermeidliche Lovestory zwischen Baran und Govend wirkt dann wie eine Konzession an das Weltkino-Publikum, das mit reinen Genrefilmen immer noch seine Probleme hat. Aber was bliebe zwei so blendend aussehenden Außenseitern auch anderes übrig, als sich gegenseitig schöne Augen zu machen? Sie spielt ihm auf der Hang vor (das übrigens weniger an das traditionelle Musikinstrument erinnert als an ein Superheldengimmick), er singt ihr verschüchtert ein kurdisches Liebeslied. Zwischen solchen disparaten Gefühlslagen springt My Sweet Pepper Land munter hin und her, die politischen Bezüge wirken dabei wie willkürliche Einbrüche der Gegenwart. Und die hochtrabenden Gefühle? Die werden am Ende mit einem Showdown in schönster Tarantino-Manier wieder eingefangen.