Wenn so viele Filme als Oscar-Favoriten gehandelt werden wie in dieser Saison, bedeutet das entweder, dass die Academy vor lauter Halbtollem nicht wusste, was sie nominieren sollte – oder dass es ein ausgezeichneter Jahrgang war.

Nun, es war ein gutes Jahr. Das sieht man am ganz großen Verlierer dieser Oscar-Verleihung, American Hustle, und am kleineren großen Verlierer, The Wolf of Wall Street. Die Filme hatten zehn, respektive fünf Nominierungen bekommen und in den vergangenen Wochen überall Filmpreise abgeräumt, was als eindeutiges Zeichen für ihre Favoritenrolle bei den Oscars gewertet wurde. Bekommen haben sie keinen einzigen.

Wenn also schon ein so durch und durch gelungenes Stück Kino wie American Hustle, eine herrlich überflüssige Gaunergeschichte aus den siebziger Jahren mit dem bestfrisierten Cast ever, keinen Oscar erhält, wenn schon The Wolf of Wall Street, dieser die Geldgier auf die verkokste Spitze treibende Film von Martin Scorsese, keinen Oscar erhält, dann müssen sich die Filme, die stattdessen ausgezeichnet wurden, wirklich lohnen. 

Gravity beispielsweise. Alfonso Cuaróns Weltraum-Drama um eine gescheiterte Shuttle-Mission war neben American Hustle der meistnominierte Film. Am Ende erhielt Gravity sieben Oscars, darunter nicht nur in sämtlichen technischen Kategorien, in denen der Film zu Recht nominiert war, sondern auch den Oscar für die beste Regie.

Es ist ein Film, der erzählt, wie verdammt klein der Mensch ist und wie er im Einzelfall über sich hinauswachsen kann. Eine sehr amerikanische Geschichte, wie sie die Academy liebt. Cuarón erzählt sie darüber hinaus mit Bildern, die auch notorischen Skeptikern die Hoffnung in die digitalen Möglichkeiten des Business zurückgeben können. Schade um jeden Filmliebhaber, der Gravity nicht im Kino gesehen hat. Auf DVD werden die raumgreifende Stille und die tatsächlich grenzenlose Verlorenheit der Protagonisten wohl kaum so überwältigend wirken.

Für seine Darsteller gleich zweimal ausgezeichnet wurde Dallas Buyers Club, die Geschichte um einen Aids-Kranken in den achtziger Jahren, der für sich und andere Infizierte Medikamente in die USA schmuggelt. Matthew McConaughey wurde als bester Hauptdarsteller geehrt, Jared Leto für seine Darstellung einer HIV-positiven Transsexuellen als bester Nebendarsteller. McConaughey hatte sich für die Rolle etliche Kilos heruntergehungert. Das verlieh seiner Figur optische Glaubwürdigkeit. Kritiker bemängeln zwar manchmal, dass in Hollywood mit Diäten häufig schauspielerisches Können ersetzt würde. Das gilt jedoch nicht für McConaughey. Der Oscar ehrt einen Schauspieler, der sich in seinen jüngsten Rollen von seinem Image als Beau befreit hat: in The Wolf of Wallstreet, Magic Mike, Mud, Paperboy oder der Fernsehserie True Detective.