TV-Kritik im Sekundentakt: Oft sind die Kommentare auf dem sogenannten Second Screen viel unterhaltsamer als das, was auf dem Fernsehbildschirm zu sehen ist. Die Twittritik auf ZEIT ONLINE erklärt, was die Zuschauer wirklich beschäftigt.

Nicolette Krebitz schmiert sich Käsebrote. Vier Stück, mit Butter. Sie hat gerade erfahren, dass ihr Mann als Wasserleiche auf dem Boden der Kieler Förde liegt. "Ich hab immer fürchterlich Hunger bei schlechten Nachrichten. Troststullen, sagt meine Großmutter."

Es ist nicht leicht, noch spröder daherzukommen als Kommissar Borowski, das personifizierte norddeutsche Tiefdruckgebiet. "Seltsamer Fall, seltsame Frauen", findet er. Und hat vollkommen Recht.

Denn es geht in diesem Kieler Tatort nur vordergründig um Tiefschürfrechte, seltene Erden und angebliche Whistleblower, die über Bord gehen. Die Borowskische Tiefenschürfung geht in eine ganz andere Richtung. In die von Nicolette Krebitz. "Sie haben mich erinnert an jemanden. Verrückt."

Noch verrückter: In diesem Fall erinnert eigentlich jede Figur an jemanden – die kalte Konzernchefin des Maritim-Clans (Karoline Eichhorn) an Ursula von der Leyen, ihr Bundeswehr-gestählter Killer (Aleksandar Tesla) an ein Kim-Jong-Un-Lookalike und Frank Schätzing an – naja, Frank Schätzing.

Kommissar Borowski unterdessen? Lächelt. "Sie nehmen Ihre Tabletten?" fragt er seine epileptische Assistentin Sarah Brandt (Sibel Kekilli). Nimmt ihr fürsorglich die Pistole weg, mit der sie sich gerade noch völlig sinnfrei vor ein Auto geworfen hat. Und gibt sie ihr gleich darauf mit einem aufmunternden Nicken wieder. 

Eine feine Altersmilde umweht Borowski. Oft schweift sein Blick in die Ferne, aufs Meer, Richtung Jenseits. Er weiß, dass das Zeitalter der knorzigen Kommissare vorbei ist. Welche Sendeanstalt würde heute ein Drehbuch mit einem Misanthropen wie ihm kaufen? Die neuen Ermittlerinnen heißen Helen Dorn oder Kira Dorn, sind hochschwanger oder leiden am Asperger-Syndrom, das Borowskis Sozialphobie alt aussehen lässt.

Es geht zu Ende und Borowski lächelt. Steigt in seinen alten, roten Volvo und holt damit einen flüchtenden Motorradfahrer ein. Haut dem Konzern-Killer ein Paddel über den nazifrisierten Schädel. Und löst den Fall, ohne auch nur einmal in einen Computer zu schauen.

Nein, Borowski weiß, dass die Wahrheit in den traurigen Augen von Nicolette Krebitz liegt.

Denn eine Ehefrau hat nicht einfach nur so den Spruch "Treu bis zum Tod" in ihrer Villa an der Wand hängen, wenn sie dem Ehemann nicht auch sein Ableben inszeniert und dafür einen anderen Toten mit Beton in den Stiefeln in der Kieler Förde versenkt hätte. 

Was bleibt? Ein ermordeter Whistleblower, der gar nicht tot ist und auch nichts whistlen wollte, sondern seinen Konzern erpressen und mit der Geliebten nach Kapstadt abhauen. Schöner Borowski-Satz:

Außerdem werden in diesem Tatort gleich beide Kommissare von ihren Neurosen geheilt. Brandt, die epileptische Hackerin, und Borowski, der klaustrophobische Menschenfeind, eingesperrt in irgendeinem Industriedings, singen gegen die Panik deutsches Liedgut im Kanon: Froh zu sein bedarf es wenig und wer froh ist, ist ein König. Da müssen sie dann selbst lachen.

Zwei lachende Kommissare, das hat es in einem Kieler Tatort wahrscheinlich zuletzt 1984 gegeben. Was heißt das für die Zukunft? Sibel Kekilli ist ab nächsten Sonntag in Westeros unterwegs. Und was macht ihr Chef an seinen freien Abenden? "An früher denken, als mir noch die Welt gehörte." Ach, Borowski.