Ich glotz TV – der Name unserer Kolumne ist Programm. Unsere Autoren schalten sich ein. Und verraten, welche Phänomene sie im deutschen Fernsehen entdecken.

Das Vogelzwitschern ist das Wichtigste. Manchmal klingt es vertraut wie die Spatzen im Park, manchmal exotisch nach Dschungel. Sofort weiß der Zuschauer, wo er sich befindet: in einer Tierdoku. Der Meditationsanleitung des deutschen Fernsehens.

Obligatorisches Luftbild, Zeitlupe. Natur, wohin das Auge reicht.   

Es ist kein Zufall, dass viele dieser Tiersendungen nachmittags laufen, einer Zeit, in der der Mensch in seiner nicht mehr ganz so freien Wildbahn den täglichen Aktivitätstiefpunkt erreicht. Krokodile auf 3Sat, Strauße im Hessischen Rundfunk – sie sind der Ruhepol des sonst überdreht-hektischen TV-Programms. Danach kommen nur noch die schönsten Eisenbahnstrecken und das Sendepausen-Kaminfeuer.   

"Es ist Regenzeit im Kakadu Nationalpark. Überall üppiges Grün und Wasser."   

Die Erzählerstimme setzt ein, männlich, tief, sanft und unendlich langsam – ein wenig, als sitze man mit einem in die Jahre gekommenen Lieblingsonkel am Küchentisch und lasse sich von dessen Weltreisen erzählen. Alle Geschichten sind auf beruhigende Art vertraut (Das Krokodil/Lama/Riesenkänguru frisst, es schläft, es jagt oder wird gejagt. Dann schließt sich der Kreis des Lebens) und künden trotzdem von fernen Abenteuern und Orten.   

"Das Great Barrier Reef ist fast so groß wie Deutschland."  

Zapp.                                                                                                 

"Ausgewachsene afrikanische Strauße sind übrigens die größten Vögel der Erde. Fliegen können sie nicht, aber bis zu 70 km/h laufen."   

Der Lieblingsonkel erfüllt immer auch den Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Und sorgt für Sicherheit. Die Natur ist grausam, lautet die Botschaft, aber das muss so.   

"Das Reptil beginnt die Todesrolle, mit dem es seine Beute in die Tiefe zieht." 

Der Mensch ist auch grausam, aber das soll eigentlich nicht so. Das ist die zweite, noch wichtigere Botschaft in jeder Tierdoku. Der Onkel hebt den Zeigefinger:   

"Was aber tun wir, um unsere Schätze zu bewahren?"  

Zapp.   

"Einmal mehr zeigt sich der Mensch als größter Feind der Natur."  

Ja! Nickt der Zuschauer, schlimm! Und genießt den wohligen Weltuntergangsschauer, der ihm den Rücken herunterläuft. Denn genau um diesen Zeigefinger geht es, um diese belehrenden Sätze am Ende. Tierdokus sind etwas für Masochisten. Für gestresste Masochisten, die ein bisschen in Unterwasserbildern schwelgen oder über die weite Savanne schauen wollen.   

So war es jedenfalls jahrzehntelang. Wenn der leidensbereite Masochist beim Zappen unvorsichtig ist, kann er nämlich auch auf eine Tiersendung neueren Typs treffen. Und die ist klar den Hedonisten vorbehalten.   

"Katerchen! Na, wo isser? Naaa? Ah! Ich seh ein Ohr! Hey mein Großer! Hallo mein Hübscher!"  

In dieser Welt sind Leopardenmännchen "Katerchen" und alle Tiere die Freunde des Menschen. Praktischerweise wohnen sie auch gleich zusammen. In Leipzig, Hamburg, Berlin oder Stuttgart: Die Zoo-Soaps sind das Gegenteil der Tierdokus. Knuddelige Pfleger feiern mit sächselnden Koalas eine Eukalyptusparty nach der anderen. Hier ist immer gute Laune. Auch bei den Tieren.   

Flötenmusik, Auftritt Vogel. "Der Fratzenkuckuck nimmt sein neues Umfeld schon ganz gelassen."   

Hier erzählt kein Lieblingsonkel, sondern ein Sprecher mit samtig-munterer Hüpfstimme. Heute bekommen die Fingertiere Bienenwaben, ihre Leibspeise. Wie gut seine Menschen es wieder mit ihm meinen!   

Auftritt Pfleger in der Futterküche: "Jaaaa, heute werdnwama was janz Besonderes für Mario geben. Und dit liebt der Fingertiermann." Pling, pling, macht die Musik.  

Die Zoo-Soaps spielen in einer Welt, in der sowohl die Tiere als auch die Menschen Vornamen und Vorlieben haben, an denen sie der Zuschauer erkennt.   

"Aber noch hat Mario keine Ahnung von seinem Glück. Wie wird er wohl auf die klebrige Überraschung reagieren?"   

Er freut sich. Genau wie sein Pfleger, der sich schon Sorgen gemacht hat, weil Mario wieder so dünn geworden ist. Die Schnitte sind schnell, und damit es nie langweilig wird, springt die Handlung von den Fingertieren zu den Hyänen ("Da musste uffpassen, denn sobald der ürgendwie nen Fingür in die Gusche krischt, brischt deor die."), zu den Lamas, zu den Leoparden und wieder zu den Fingertieren. Irgendwo ist bestimmt gerade was los.   

Und während am Great Barrier Reef langsam aber sicher die Welt zugrunde geht (Klimawandel!), spielen im Zoo die Pfleger mit ihren Pinguinen fangen. Behandschuht, denn, sagt der junge Mann, wenn man den Pinguinen an die Eier will, werden die richtig garstig. Er grinst über seinen gelungenen Scherz. Wenn er dafür mal nicht im Sendepausen-Fegefeuer landen wird.     

Verbrauch der Autorin während der Sendung: Einen Kaffee, einen Teelöffel Weltschmerz, zwei Würfel Fremdscham.  

Persönliche Wertung: 3.298 von 4.371 Punkten auf dem Leopardenfell