Das öffentlich-rechtliche Fernsehen erzeugt zuweilen absurde Allianzen. Als der rechtspopulistische CDU-Politiker Roland Koch vor fünf Jahren an der Spitze des unionsdominierten ZDF-Verwaltungsrats versuchte, den politisch womöglich anders gelagerten Chefredakteur aus dem Amt zu sägen, verbündeten sich ausgerechnet Konservative wie Kurt Biedenkopf, die FAZ, selbst der Sozenhasser Guido Knopp mit Oppositionellen von links. Erfolglos, wie der nächste Herbst zeigte: Brender wurde gegen den Willen seines Intendanten und der ganzen Medienbranche abgewählt. Die Empörung war riesig, die Folgen überschaubar.

Jetzt aber wird die Front gegen allzu große Einflussnahme aufs Grundrecht Pressefreiheit durch das Bundesverfassungsgericht verstärkt, und die Freunde medialen Strippenziehens haben ein Problem: Der Erste Senat urteilte heute, das Öffentlich-Rechtliche dürfe "nicht zum Staatsfunk" werden, weshalb der Anteil staatsnaher Personen bis Mitte 2015 sinken müsse – und somit der politische Einfluss aufs ZDF. Es ist ein heilsamer Schuss vor den Bug virtuoser Netzwerker der Sorte Koch und Stoiber. Es trifft aber auch das gebührenfinanzierte Fernsehen insgesamt.

Im Zeitalter privater Konkurrenz, duales System genannt, herrscht bei ARD wie ZDF nämlich zusehends viehisches Herdendenken, das im Gewicht senderferner Gremien nur seinen politischsten Ausdruck findet. Statt kreativem Anspruch regiert das Diktum der Sehgewohnheit. Statt meinungsstarker Vielfalt, die Litanei vom Fernsehen für die Masse. Statt Entschlossenheit, Zivilcourage, klarer Kante, nichts als Quote, Quote, Quote. Seit der Apparatschik Dieter Stolte 1982 die Intendanz des Zweiten Deutschen Fernsehens übernahm und sein effektverliebter Kollege Günter Struve zehn Jahre darauf die Programmdirektion des Ersten, ist unkonventionelles Fernsehen sukzessive vom Bildschirm verschwunden. Als Flatscreen ist er nicht selten relevanzfreie Zone.

War der Freitagabend etwa einst ein Ort für gediegene Import-Fiktion, wurde die durch geriatrische Seifenopern längst in die Nacht verdrängt. Sendete das ZDF vor Stolte mit Pfaues Weihnachtsmehrteilern die Kinderzimmer leer, gibt es heute nicht mal nachmittags noch Angebote für die Kleinen. War Wintersport auf beiden Kanälen mal der Ausnahmezustand, flutet er jetzt monatelang von früh bis spät die Wochenenden. Keine Frage: noch immer findet bedeutsames Fernsehen praktisch ausnahmslos gebührenfinanziert statt. Der Informationsanteil von ARZDF übersteigt das Gesamtaufkommen der Privaten um ein Vielfaches, ohne das spendable ZDF wäre der hiesige Film längst hirntot und die Dienstagsreportage (Zweites) liefert ebenso wie der Mittwochsfilm (Erstes) oft Qualität zur besten Sendezeit.

Am Ende aber sind das bloß Inseln im Ozean gefälliger Ödnis. Gerade die Zeit nach den Hauptnachrichten ist tendenziell niveaufreies Terrain. Was von Belang ist, wird auf Spartenkanäle abgeschoben, was sperrig ist, Richtung Geisterstunde, das letzte Reservat für Politik und Kultur jenseits von tagesschau und Tierreportage. Und exakt diese Selbstzerfleischung wollte Roland Koch mit seiner Kritik an miesen Quoten befeuern: Destabilisieren, Unterwandern, Übernehmen. So lautet das Prinzip konservativer Medienpolitik seit Helmut Kohl, der einen Kreuzzug wider den vermeintlichen Rotfunk unternahm.

Ob die verfassungsgerichtlich verordnete Zurückdrängung parteipolitischer Interessen allerdings konstruktive Folgen haben wird, bleibt abzuwarten. Zu erfolgreich war die Infiltration von rechts, um ein selbstbewusstes, forderndes, kühnes Angebot ohne Reklamesperrfeuer ab acht zu erhalten. Das erfolgreichste Format der ARD heißt heute Um Himmels Willen. Es handelt von putzigen Nonnen im Sonnenschein. Die nächste Allianz bedarf höherer Mächte.

Anmerkung der Redaktion, 26. März 2014: In der ursprünglichen Fassung hatten wir Nikolaus Brender als "sozialdemokratischen Chefredakteur" beschrieben. Das war er zu keinem Zeitpunkt. Wir haben den Satz geändert.