14 mal Krieg

Noch mehr vom Großen Krieg? Im Gedenkjahr 2014 fühlt man sich doch schon erschlagen von den Geschichten. Unzählige Bücher und Magazine sind zum Ersten Weltkrieg erschienen, Stunde um Stunde wurde im Fernsehen über das große Abschlachten gesendet. Doch die achtteilige Doku-Serie 14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs ist anders. Selten hat das Fernsehen den Wahnsinn des Kriegs so nah gebracht.

Zu den Erzählern gehört Yves Congar. "Tod den Boche, diesen deutschen Ungeheuern, den Hunnen, die Frankreich angreifen", sagt der zehnjährige Junge und stupst mit dem Finger deutsche Blechsoldaten um. Er spielt in dem französischen Dorf Sedan nah der Front den Krieg nach. Völlig überzeugt vom Sieg der Grande Nation reißt ihn Geschützdonner aus dem Spiel. Die Deutschen rücken vor, nehmen das Dorf ein, kommen zu Yves nach Hause.

Entsetzt versteckt der Junge sich unter dem Küchentisch, bedeckt von einer weiten Tischdecke. Dann hebt jemand das Tuch hoch, ein deutscher Offizier schaut hinab und fragt Yves Congar auf Französisch, was er da macht. Die Szene spielt im Spätsommer 1914, drei Wochen nach Kriegsbeginn.

Für sein Dokudrama 14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs mischte Regisseur Jan Peter zahlreiche Originalaufnahmen mit nachgestellten Szenen. Er erzählt die Geschichte von 14 Menschen, Kindern wie Yves Congar (gespielt von Antoine de Prekel), dem österreichischen Bauern Karl Kasser (David Oberkogler), der gegen seinen Willen eingezogen wird, der Russin Marina Yurlova (Natalia Witmer), die sich mit 14 Jahren auf der Suche nach ihrem an die Front versetzten Vater Kosaken anschließt, der Künstlerin Käthe Kollwitz (Christina Grosse) die ihren 17-Jährigen Sohn in Flandern verliert.

Das TV-Team stützt sich auf Tagebücher, Erinnerungen und Briefe, erzählt keine Heldengeschichten, kein nationales Epos, sondern lässt den Zuschauer am Leben ganz unterschiedlicher Menschen teilhaben. Das Ziel der Produzenten ist eine Mentalitätsgeschichte des Krieges und tatsächlich geben sie der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" ein menschliches Antlitz.

Nie verharrt die Kamera zu lang auf explodierenden Granaten, sterbenden Soldaten und trauernden Eltern. Klug ausgewählte und eingesprochene Zitate von Soldaten, von Herrschern und Politikern, die den Krieg begonnen haben, von begeisterten Zivilisten zu Beginn des Kriegs, Originalpassagen aus amtlichen Mitteilungen über den Tod von Angehörigen. Die einzelnen Geschichten werden chronologisch aneinandergebunden. Die Protagonisten wenden sich immer wieder zur Kamera und sprechen den Zuschauer direkt an.

Zahlreiche Männer wurden in die Schlacht gezwungen

Folge um Folge kommt man den Protagonisten näher, lernt ihre Sehnsüchte, Hoffnungen und Ängste kennen. "Das Vaterland braucht Dich doch nicht", sagt Karl Kollwitz etwa zu seinem Sohn Peter. "Meinen Jahrgang braucht es nicht, aber mich!", erwidert der 17-Jährige. Käthe Kollwitz, die bedeutende Bildhauerin und Sozialdemokratin, versucht zu vermitteln. "Wir haben den Jungen erzogen, dass er selber frei entscheiden könne", sagt Kollwitz zu ihrem Mann. Der schreit, sein Sohn solle kein braver preußischer Soldat werden. Letztlich überredet Käthe Kollwitz, eigentlich Gegnerin des Kaisers, ihren Mann, den gemeinsamen Sohn in den Krieg ziehen zu lassen, obwohl er noch minderjährig ist. Wie so viele begeisterte Soldaten verspricht Peter, schon bald wieder zurück zu sein und Paris von seiner Mutter zu grüßen. Schon wenige Tage nach Kriegsbeginn fällt er beim deutschen Angriff auf das neutrale Belgien.

Nachgebaute Schützengräben, französische Dörfer, Kosakenlager – die Serie wurde aufwendig produziert. Dafür haben sich arte, das Erste, NDR, SWR, WDR und ORF zusammengeschlossen und weitere internationale Partner wie die BBC gewonnen. Der Historiker Oliver Janz, dessen Buch 14. Der Große Krieg zu den besten Neuerscheinungen dieses Jahres gehört, hat das Filmteam beraten. Experteninterviews oder Zeitzeugenschilderungen wie bei Guido Knopp kommen nicht zum Einsatz. Stattdessen berichten die Protagonisten selber.

Die Fakten stimmen, wenn auch manchmal stark verkürzt wird. So entsteht der Eindruck als ob Österreich-Ungarn nach der Ermordung seines Thronfolgers durch Attentäter in Sarajewo Deutschland mit in den Krieg hineingezogen hätte. Dabei wollten Kaiser Wilhelm II. und seine Militärs den großen Krieg. Sie drängten die Verbündeten in Wien zu einem harten Vorgehen gegen Serbien, dem Heimatland der Attentäter. Weil die Politik und die Diplomatie überall in Europa versagten, wurde der Krieg unausweichlich.

Viele einfache Soldaten folgten dem Aufruf nur widerwillig. Vor allem in Russland und Österreich wurden zahlreiche Männer in die Schlacht gezwungen. "Das Schwören hat den halben Tag gedauert", sagt Karl Kasser. In der österreichischen Armee mussten die Soldaten dem Kaiser ihre unbedingte Treue in fünf Sprachen versichern, weil so viele Nationen in der K.-u-K.-Armee dienten. "Und dann marschierten wir in voller Rüstung unserem Elend entgegen. Eiskalt überlief es uns wenn wir daran dachten, dass es bald ernst würde."

Verbrauch des Autors während der Sendung:  eine Handvoll Nüsse – bei den Lazarettbildern vergeht der Appetit
Verbrauch nach der Sendung: Ein Schluck Whiskey als Schlummertrunk nach einem langen TV-Kriegsabend