Mit der Qualität des ersten Teils kann Amazing Spider-Man 2 nicht ganz mithalten, was zwei Ursachen hat. Zum einen verzettelt sich der Plot bis zur Unübersichtlichkeit. Unmotivierte Brüche stören den Handlungsfluss und lassen wenig Atmosphäre aufkommen. Zudem ist der Versuch, aus Spider-Man einen supercoolen Verbrechensbekämpfer zu machen, der noch in den brenzligsten Situationen einen lockeren Spruch auf den Lippen hat, dem Aufkommen von Spannung abträglich. Wie soll man einen Plutoniumdiebstahl mitten in New York als Bedrohung empfinden, wenn der Held daraus eine Comedynummer macht und den Schurken (schräg: Paul Giamatti als tätowierter Schlagetot) in Bud-Spencer- Manier aus dem Verkehr zieht?

Schwerwiegender ist das Fehlen eines gleichwertigen Gegenspielers. Der im umständlichen deutschen Verleihtitel genannte Electro ist ein stoffeliger Oscorp-Angestellter, bis er durch einen grotesken Unfall – irgendwas mit Zitteraalen – zum funkensprühenden Superwesen wird. Jamie Foxx spielt den bläulich schimmernden Bösewicht und wirkt dabei hoffnungslos unterfordert. Was umso trauriger ist, als er den sozial isolierten Nobody vor dem Unfall ungleich nuancierter porträtiert. Worin das Drama dieser Kreatur liegen könnte, worauf sein Hass auf Spider-Man – außer auf narzisstischer Kränkung – gründet, all das geht im High-Voltage-Krawall unter. Der dröhnende Soundtrack von Hans Zimmer und Pharrell Williams hilft auch nicht, darstellerische Subtilitäten herauszuarbeiten.

Sequels, Prequels und Reboots

Versöhnlich stimmt das überraschend wuchtige, dramatische Finale, wo ein weiterer (bekannter) Superbösewicht auftaucht und tragische Schicksalsschläge Weichen für unvermeidliche Sequels stellen. Erst hier hat man das Gefühl, dass die von Andrew Garfield allzu leichtgewichtig angelegte Figur mit einer neuen Ernsthaftigkeit grundiert wird.

Amazing Spider-Man 2 bleibt bei allen Schwächen kurzweilige, technisch brillante Blockbuster-Unterhaltung, die beim jugendlichen Zielpublikum besser ankommen dürfte, als bei kritischen Altfans des Spinnenmenschen. Das Erscheinen des Films markiert einen heiklen Punkt in der Entwicklung des Genres. Trotz immenser Produktionskosten wurden fast alle Superheldenfilme der letzten Jahre Kassenschlager. Ob die Erfolgsstory weitergeht, hängt von der Bereitschaft des Publikums ab, den in immer rascherer Folge auf den Markt drängenden Sequels, Prequels und Reboots zu folgen. Allein in diesem Frühjahr konkurrieren mit dem zweiten (sehr guten) Captain-America-Film, mit Amazing Spider-Man 2 und dem Ende Mai startenden X-Men: Days of Future Past drei Filmstudios (Disney, Columbia/Sony, Fox) mit ihren Comic-Adaptionen des Marvel-Verlags um die Zuschauergunst.

Ein wenig erinnert die Situation an das Silver Age der Comics in den späten 60ern, als der Marvel-Verlag immer neue Superheldenserien auf den Markt warf, bis den jugendlichen Lesern irgendwann das Taschengeld ausging. Ganz soweit ist es wohl noch nicht. Bis dahin, und solange sogar die nicht ganz so tollen Genrestücke immer noch so gut sind wie The Amazing Spider-Man 2, werden die Superheldenfans auch weiterhin die Kinokassen klingen lassen.

Erschienen im Tagesspiegel