Schafft das Staatsfernsehen ab!

Mit einer so mutigen Entscheidung habe ich nun wirklich nicht mehr gerechnet, und das vor allem nicht vom ZDF: Wetten, dass..? wurde, 30 Jahre nach seiner Glanzzeit, abgesetzt. Ich freue mich schon auf die nächste mutige Entscheidung: Das ZDF löst sich selber auf, gefolgt von der gesamten ARD.

Jedes Jahr kippt der deutsche Staat über sieben Milliarden Euro an Steuergeldern (doch, doch, die GEZ-Gebühr ist eine Steuer) in das öffentlich-rechtliche TV- und Radiosystem. Das ist mehr als jede andere öffentlich-rechtliche Senderfamilie der Welt bekommt, vorzuweisen aber hat die deutsche weniger als jede andere Senderfamilie.

Das Problem ist nicht, dass die deutschen Zuschauer für das viele Geld nichts geboten bekommen – außer ab und zu jemanden, der die Farbe von Buntstiften an deren Geschmack erkennt. Das Problem ist, dass es Staatsfernsehen ist. 

Nicht nur langweilig, auch noch Werbung für den Staat

Als ich in den Achtzigern nach Deutschland kam, war ich – wie so viele Amerikaner – enttäuscht von der niveaulosen Fernsehkultur meiner Heimat. Ich bin mit so hirnrissigen Copshows aufgewachsen wie Starsky & Hutch und freute mich auf die aktuelle Kultur im Land der Dichter und Denker. Wenn überhaupt jemand, dann schaffen es die Deutschen, so stellte ich mir das vor, ein intelligentes und anspruchsvolles TV-Programm auf die Beine zu stellen.

Stattdessen traf ich auf Staatsfernsehen. Sendungen wie Der Alte, Der Dicke, Derrick und Tatort waren nicht nur langweilig, sie machten Werbung für den Staat: Ein Mord bringt die Gesellschaft aus den Fugen. Dann aber kommt eine vertrauenerweckende Vaterfigur, die im Namen des Staates alles wieder ins Lot bringt.

Im Vergleich dazu war Starsky & Hutch geradezu anarchisch: Die beiden konnten den Staat gar nicht vertreten, denn sie ignorierten ständig die Regeln.

Internationale Serien sind längst subversiv

Später wurden die Copshows in Amerika und in anderen Ländern absichtlich subversiv: In Law und Order siegte die Gerechtigkeit selten, weil das System von vorn bis hinten reformbedürftig war. In Shows wie The Shield, Dexter, Homeland und Breaking Bad sind die Helden nicht nur keine Staatsvertreter, sie sind geradezu Feinde des Staates. Das gilt heute übrigens nicht nur für das Fernsehen meiner Heimat – ähnliches kann man in England, Dänemark und Frankreich jeden Abend gucken.

Der Einfluss des Staats auf die Fernsehkultur endet nicht bei den Öffentlich-Rechtlichen: Man lernt beim WDR und bekommt einen Job bei RTL. Wer an einer Hochschule für Film und Fernsehen unterrichtet, ist in der Regel durch die Schule des öffentlich-rechtlichen Systems gegangen. Zwischen den Öffentlich-Rechtlichen und den Privaten gibt es einen fließenden Übergang. So schafft es der Staat direkt und indirekt, die gesamte Unterhaltungskultur zu dominieren.

Und falls Sie glauben, der Einfluss des Staates auf das TV-Programm sei doch gar nicht so schlimm: Selbst das Verfassungsgericht hat eine Änderung des ZDF-Staatsvertrages verlangt, weil dieser den Politikern zu viel Einfluss gibt. Nett gemeint, aber mehrere Dekaden zu spät: Der Wille des Staates hat sich längst in den Köpfen der Fernsehschaffenden festgesetzt. Wer den Satz "Tolle Idee, aber die kriegen wir niemals am Rundfunkrat vorbei" nicht kennt, hat nie im Fernsehen gearbeitet.

Das Fernsehen braucht junge, kreative Geister

Aber liegt die Misere des deutschen Fernsehens wirklich am Staat? In den Achtzigern fragte ich mich, ob die Deutschen vielleicht einfach nicht wissen, wie moderne Popkultur geht. Meine Freunde lachten mich aus: "Wir haben die Popkultur doch erfunden!" sagten sie.

Das ist nicht übertrieben. Die Weimarer Republik hat nur 15 Jahre gedauert, aber die Liste ihrer Film-Meisterwerke ist fast irreal lang: Der Blaue Engel, Faust, Der Golem, wie er in die Welt kam, Berlin – Die Sinfonie einer Großstadt, Die freudlose Gasse, Der letzte Mann und viele mehr.

Damals haben die Deutschen fast eigenhändig alle Kinogenres erfunden, von denen Hollywood heute lebt: Den Sci-Fi- und Special-Effects-Film (Metropolis), den Serienmörder-Film (M – eine Stadt sucht einen Mörder), das Fantasyepos (Die Nibelungen), den Horrorfilm (Nosferatu), die romantische Komödie (Viktor und Viktoria) und mehr.

Der Unterschied zu heute: Diese Meisterwerke waren kommerzielle Werke, die in Konkurrenz zueinander auf dem freien Markt entstanden, keine Auftragswerke eines Mäzenenstaates. Heute leben Deutschlands Kulturschaffende von der Gunst des Staates und machen, was der Staat will.

Erst Zusammenbruch, dann neuer, interessanter Mist

Ich weiß, was Sie denken: "Aber wenn man das gesamte öffentlich-rechtliche System von heute auf morgen ersatzlos abschafft – bricht dann nicht alles zusammen?"

Stimmt, das tut es. Ein paar Jahre lang werden Deutschlands Kulturschaffende lautstark, selbstmitleidig und im großen Stil leiden. Doch wir leben in einem der erfolgreichsten kapitalistischen Länder der Welt: Schnell werden private Geldgeber die Marktlücke entdecken und in junge, kreative Geister investieren, die Kulturprodukte herstellen, die die Leute auch sehen wollen.

Keine Sorge: Eine Fortsetzung von Tatort wird vermutlich dabei sein, auch Carmen Nebel und Co. Aber neben dem alten Mist wird langsam, ganz langsam neuer Mist auftauchen, teilweise auch richtig interessanter, neuer, herausfordernder Mist, auf den das Land der Dichter und Denker endlich stolz sein kann.

"Aber das ist es doch genau, was wir befürchten!" sagen Sie. "Das bedeutet ja die Kommerzialisierung des Fernsehens!"

Ach was. Das deutsche Fernsehen – auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen – ist längst kommerzialisiert. Kommerzieller geht es gar nicht. Dazu allerdings es ist auch noch schlecht – und dieses Problem kann behoben werden.