Jack Bauer. An keiner anderen Figur haben sich die politischen und ideologischen Kämpfe der Ära Bush  eindringlicher herauskristallisiert. Jack (Kiefer Sutherland), Agent einer amerikanischen Anti-Terror-Einheit und Held der Serie 24, durchlebte alle nur erdenklichen moralischen und legalen Albträume westlich-liberaler Demokratien. Sein Credo zur Terrorismusbekämpfung – whatever it takes – versetzte neokonservative Kriegstreiber in Entzücken und schreckte Menschenrechtsorganisationen auf. 

Nun ist Bauer zurückgekehrt, mal wieder. Zwölf neuen Folgen starteten in den USA auf Fox, in Deutschland ist Live Another Day auf Sky zu sehen.

24 war von Anfang an eine Serie der Ultimativen – formell wie inhaltlich. Dass amerikanische Fernsehserien virtuos ausufernde und komplexe Erzählstränge inszenieren, überrascht spätestens seit den Sopranos oder Lost niemanden mehr. 24 aber führte das serielle Erzählen ins Extreme. Die Erzählweise ist der Dringlichkeit einer tickenden Zeitbombe nachempfunden. Eine Stunde im Erleben Jack Bauers deckte sich mit der Stunde, die man für eine Episode auf der Fernsehcouch verbrachte. (Abzüglich 15-minütiger Werbepause – so viel künstlerische Freiheit muss sein.)

Wenn man so will, begründete 24 das binge viewing. Begeisterte konnten eine gesamte Staffel in Echtzeit – also 24 Stunden nacherleben. Dass ein solcher Versuch nicht ohne gesundheitliche Folgen ist, kann man regelmäßig auf 24-Fan-Foren lesen. Dort beschreiben User, was sie an koffeinhaltigen oder chemischen Hilfsmitteln konsumiert haben, um alle acht Staffeln am Stück zu überleben.

24 wurde zum Imaginationsraum für das Austesten demokratischer Grenzen

Die Beliebtheit der Serie, die 20 Emmys und zwei Golden Globes erhielt, lässt sich aber nicht allein durch das innovative Format erklären. Ihre Bedeutung ist untrennbar mit den Anschlägen des 11. Septembers 2001 und der politischen Lage der USA verwoben. Seit November 2001 brachte 24  den nationalen Ausnahmezustand in bisher nicht dagewesener Unmittelbarkeit ins US-amerikanische Wohnzimmer. Terroristen verschiedenster Nationalitäten versuchten seither in jeder Staffel aufs Neue die USA mit Atomwaffen, Giftgas und Bombenattentaten zu Fall zu bringen. 

Die Mittel, zu denen Jack Bauer griff, um die nationale Integrität und Sicherheit zu bewahren, reichten von Lauschangriffen und Satellitenüberwachung über Drohnen bis hin zu Folter. 24 wurde damit zum primären Imaginationsraum für das Austesten demokratischer Grenzen. Und Bauer zum ambivalenten Helden, der den Zuschauer zwang, das eigene Wertesystem ständig zu hinterfragen. 

Foltern im Auftrag des Präsidenten

Die Serie war den historischen Entwicklungen oft um Jahre voraus. Besonders in ihrem Umgang mit Folter. Gingen die Agenten anfangs noch zaghaft mit ihren Verdächtigen um, wurde in der zweiten Staffel bereits der Direktor der NSA per Elektroschock gefoltert – im Auftrag des US-Präsidenten. Die Szene wurde Anfang 2003 ausgestrahlt. Zu dieser Zeit war die öffentliche Diskussion zur Folter in den USA fast noch nicht existent. Erst zwei Jahre später brachten der Skandal um Abu Ghraib und die Veröffentlichungen der berüchtigten Torture Memos die illegalen beziehungsweise inoffiziell genehmigten Verhörpraktiken der amerikanischen Regierung ans Tageslicht. 

Als zu dieser Zeit Jack in Staffel vier einem muslimischen Terroristen zu Verhörzwecken ins Bein schoss, stand die Serie plötzlich im Zentrum einer langjährigen Diskussion über das Für und Wider von Folter und Folterdarstellung.