Das Reh, so lehren uns Kreuzworträtsel, ist ein scheues Waldtier. Städte und Dörfer meidet es mehr noch als deren Bewohner. Gerät es dennoch in menschliche Siedlungsräume, reagiert es mit drei Gesichtsausdrücken: wachsames Reh, ängstliches Reh, panisches Reh. Nun ist Frankfurt am Main nicht irgendein menschlicher Siedlungsraum, sondern ein neobabylonisches Glasstahlbad voll hektischer Betriebsamkeit. Für Rehe folglich Feindesland. 

Exakt so blicken auch die drei frischen Darsteller des Serienklassikers Ein Fall für zwei drein, der sich nach kurzem Aufenthalt im Altersheim wieder ins angestammte Habitat zurücktraut.

Nur: Dieses Frankfurt ist rauer geworden als zu Zeiten betulicher Anwälte von Renz bis Lessing, rauer als zu denen eines Josef Matula mit oder ohne Faltengebirge. Mehr als 32 Jahre nach der Premiere und zwölf Monate nach dem Aus geht es in diesem Ein Fall für zwei so zu wie bei Alarm für Cobra C.I.S. in the City. Da zappeln die Schnitte, da zischen die Zooms, da hagelt es sprachlich Fäkalien und bildlich Moderne. Kein Wunder, dass die neuen Protagonisten gucken wie Waldwild im Scheinwerferkegel.

Wanja Mues zum Beispiel. Als Privatdetektiv Leo Oswald mit dunkler Historie landet er unter Mordverdacht in Haft. Raushauen soll ihn nach 20 Jahren Funkstille sein Schulfreund Benni Hornberg (Antoine Monot Jr.), ein karrieristischer Wirtschaftsjurist. Die Frau im künftigen Dreigestirn, eine blonde Nele ohne Nachnamen, scheint mit ihren permanent aufgerissenen Augen entweder "Küss mich!" oder "Zu Hilfe!" zu suggerieren und zu staunen, dass unterm Bankenturm kein Moos mehr wächst. Die Verbrecher hingegen gucken pflichtschuldig wie der böse Wolf vorm Beißen.  

Hauptfiguren endlich auf Augenhöhe

Unter Matulas bodenständiger Faust war Ein Fall für zwei Jahrzehnte lang Fiktion für Senioren, und auch jetzt behandelt er sein Publikum gern mal wie Rentner mit ADS. Die Staatsanwältin wird mit "Guten Morgen Frau Staatsanwältin" eingeführt, die schöne Anwaltsgattin im Designerbau mit den Worten "Bist du aufgeregt wegen deiner Yogaprüfung?" Das Drehbuch bedient sich lieber Rückblenden als des Assoziationsvermögens der Zuschauer; und wenn irgendwo irgendwas passiert, kündigt es irgendein Geräusch nach dem Pflichtkanon der kleinen Fibel für dramatischen Sound an.

Das ist zwar Fernsehen für Begriffsstutzige, hat aber durchaus Potenzial. Denn dem neuen Fall für zwei gelingt etwas Grundlegendes: Seine Hauptfiguren agieren auf Augenhöhe. Standen Matulas Anwälte zuvor im Schlagschatten seiner Lederjacke, sind Leo und Benni nicht bloß Freunde, die nach dem ersten Fall gemeinsam aufs Hausboot ziehen; sie bilden ein Team von Gleichberechtigten, das in spannender Disharmonie harmoniert. 

Das ist vor allem dem Schweizer Schauspieler Monot zu verdanken. Aber auch Mues schafft es, seinen TV-Schnulzen-Blick mit einer gewissen Tanktop-Kernigkeit zu kontrastieren. Vor fieser Kritik oder gar mieser Quote brauchen diese beiden keine Angst zu haben – nicht mal zwischen all den Betontürmen.

Verbrauch des Autors während der Sendung: Rehrücken gespickt, Erdrehaugäpfelchips und zwei Flaschenbier (auf Brüderschaft getrunken)     

Persönliche Bewertung: Zwei von zehn Matulas, elf von zehn Dr. Renz