Boykott hat das Filmfestival von Cannes schon erlebt. Louis Malle, Roman Polanski, Jean-Luc Godard und weitere Filmschaffende stürmten einst den großen Kinosaal im Festivalpalast, um die überall in Frankreich demonstrierenden Studenten und Arbeiter zu unterstützen und gegen die Entlassung des Direktors der Cinémathèque française, Henri Langlois, zu protestieren. Das Festival wurde daraufhin abgebrochen. Die Unruhen weiteten sich aus, ein wochenlanger Generalstreik folgte und schließlich eine ganze Reihe politischer und wirtschaftlicher Reformen im Land. 1968 war das.

2014 sind die Arbeiter der französischen Filmbranche wieder unzufrieden. Zu viele von ihnen müssen sich mit schlecht bezahlten und kurzfristigen Verträgen über Wasser halten. Aber nicht sie rufen am ersten Festivaltag zu einem Boykott auf, sondern eine Prinzessin. Stéphanie von Monaco empört sich, dass der Film über ihre Mutter Grace of Monaco, der am Mittwochabend das Festival eröffnet, zwar auf historischen Ereignissen beruhe, sich aber nicht an die historischen Fakten halte.

Sie schließt sich damit der Meinung ihres Bruders Albert an, der bereits am vorvergangenen Freitag wetterte, es handle sich bei dem Film um eine Verdrehung von Tatsachen zu rein kommerziellen Zwecken. Diesen Film, fordert Stéphanie, dürfe man sich nicht anschauen. Die Fotografen und Reporter möchten schweigen und ihre Kameras am roten Teppich senken.

Liegt damit der Hauch einer Kontroverse über dem 67. Festivalauftakt? Aber nein. Man kann sich die Liaison zwischen Cannes und Monaco kaum inniger vorstellen. Beide Orte leben von den Stars, den Reichen und Schönen, die sie besuchen und schmücken, und beide sind abhängig davon, dass die Medien währenddessen über sie schreiben. Die fürstlichen Geschwister haben sogar – wenngleich stark wertend – beeindruckend präzise das Genre des Historienfilms umrissen: Er fiktionalisiert und dramatisiert geschichtliche Ereignisse, um möglichst viele Zuschauer ins Kino zu locken. Letzteres ist übrigens Hauptzweck der überwältigenden Mehrheit von Kinofilmen und irgendwie auch des Festivals von Cannes.

Grace of Monaco spiegelt diese Gemengelage durchaus treffend wider, auch wenn er im Jahr 1962 spielt: Der amtierende Fürst Rainier III. hat Geldsorgen. Sein Ländchen bedarf der Modernisierung, aber das Casino wirft nicht mehr so viel ab wie einst. Noch ist nicht klar, ob seine Ehe mit der schönen Schauspielerin Grace Kelly, die er – genau! – während des Festivals von Cannes kennengelernt hatte, wirklich die erhoffte Wiederbelebung des Jet-Set-Lebens bewirkt. Ob diese Ehe überhaupt hält! Hach, die dramatische Verwicklung des Films klingt tatsächlich wie aus einer aktuellen Ausgabe der Boulevardpresse. Man kann sagen, sie ist dem Sujet (Grace Kelly alias Fürstin von Monaco) und Anlass (Eröffnung der Filmfestspiele) angemessen. Einen großen Star bringt der Film auch mit: Nicole Kidman als Grace.

Aber leider übertreibt es der Regisseur Olivier Dahan sogar für Cannoiser Verhältnisse ein bisschen zu sehr. Immer wieder schaut sich seine Grace die Filmaufnahmen von ihrer Hochzeit an, damals ein unfassbar aufgeblasenes Medienereignis, zu dem die MGM-Studios aus Hollywood das Kleid spendierten. Sie stellt fest, wie wenig von ihrem Kleinmädchentraum, einen Prinzen zu heiraten, nach sechs Jahren Ehe übrig ist. Im Laufe des Films muss sie lernen, dass dieser Prinz auch  ein vielbeschäftigter Mann ist.

Dazu durchlebt Grace eine schwere Künstlerinnenkrise. Hollywood fehlt ihr. Da reist Hitchcock nach Monte Carlo (was historisch falsch ist) und bietet ihr eine Rolle in seinem Film Marnie an. Hatte er ernsthaft erwarten können, dass die Fürstin die Rolle der frigiden Kleptomanin annimmt? Dennoch rät Maria Callas (respektabel verkörpert von der spanischen Schauspielerin Paz Vega) Grace, sie solle sich dem Willen Rainiers III. widersetzen, wie auch sie nicht aufgehört habe zu singen. Diesen Rat erteilt die stolze Sopranistin von einem sehr rassigen Reitpferd herab. Ach, ja.