Für Kunstvermittlung in der Glotze gibt es unzählige abschreckende Beispiele. Statische Kameraführung, öde Alte Meister, unterlegt mit Kommentaren im Volkshochschulmodus. Wie also bekommt man als Bayerischer Rundfunk seine vielen Museen an den Zuschauer? Mit einer attraktiven Frau zum Beispiel. Einer Muse!

Judith Milberg ist nicht nur enorm attraktiv, sondern auch noch Kunsthistorikerin. An ihrer Seite ist, noch besser, ein prominenter Schauspieler: Axel Milberg alias Borowski, der Kieler Tatort-Kommissar. Und weil ein Schauspieler selten davor zurückschreckt, mal den Trottel zu geben, war das Format so gut wie gefunden: Mit Milbergs ins Museum.

Das geht so: Sie zeigt die Kunst, erklärt, stellt Zusammenhänge her. Er läuft mit, hat keine Ahnung, guckt so ein bisschen und gibt den willigen Zuhörer. Praktisch: sowohl der Kunstkenner als auch der Banause findet sich hier wieder. Entweder man ist ein bisschen Judith und baut sein Kunstverständnis auf solider Grundlage noch etwas weiter aus. Oder man identifiziert sich mit dem ahnungslosen Axel, der sich von seinem Herzensschatz charmant belehren lässt.

Und, was soll man sagen: Es funktioniert. Die Milbergs waren schon in der Alten und der Neuen Pinakothek, im kürzlich wieder eröffneten Lenbachhaus und bei Franz Marc am Kochelsee.

Diesmal hat Judith (stylish in blau und pink mit Gehrock drüber) ihren Axel (rote Hose, blauer Blouson) ins Museum Brandhorst geschleppt, diesen Bau an der Türkenstraße mit der Buntstift-Fassade. Nur ein Werk steht diesmal im Mittelpunkt: In this terrible moment von Damien Hirst. Der Brite hat auf den spiegelnden Ebenen der neun Meter langen Monumentalarbeit nicht weniger als 27.000 Pillen hinter Glas untergebracht. "Oh Gott", entfährt es Axel, "Ja, mein Gott". Er hat es erst mal nicht geschnallt, denkt, es könnten reihenweise kleine Wiking-Autos sein.

Der Schädel mit den Brillis, das war doch auch der Hirst

Blödsinn. Das kann seine Frau natürlich so nicht stehen lassen. Sie verweist auf die Ausnahmegestalt Hirst, einen der interessantesten Künstler der Gegenwart, der schließlich den Kunstmarkt revolutioniert habe. Ach ja, da fällt es auch Axel ein: Dieser mit Brillis überkrustete Schädel für ein paar Millionen Pfund, das war doch auch der Hirst. Immer wieder, ergänzt Judith dann, sei es diesem Künstler um das Motiv des Todes gegangen, um das unausweichliche Ende.

In schneller Folge – sie hat ja nur 15 Minuten Sendezeit für ihre Lektion, da kann man keine großen Schleifen drehen – fallen nun die Stichworte. Heilsversprechen der Medizin infrage gestellt, trügerische Hoffnung auf Erlösung, die Pillen als Selbstbetrug etc.

Doch dann verrät Judith Milberg: Es sind gar keine echten Pillen. Nur 27.000 mal täuschend echt nachgebaut von Hirst-Hiwis, aus gefärbtem Gips, aus bemaltem Kunstharz oder Bronze. Mit unsichtbarem Klebstoff fixiert. 

"Was wäre Deine Assoziation?", fragt die Dozentin ihren Gatten. Und er so: "Ach ja. Na so … Als wir nach dem Tod meiner Mutter diese ganzen Schachteln mit Tabletten fanden. Teils noch ungeöffnet. Das wollte ich entsorgen …"

Das soll dem BR erst mal einer nachmachen: Kunstvermittlung im Dialog, und dann auch noch mit menschlicher Note. "In this terrible moment?" Nö. Wir wollen wieder mit den Milbergs ins Museum.  

Verbrauch der Autorin während der Sendung: 1 Scheibe Toast mit Kunsthonig, 2 Pfund Geduld meiner  Freundinnen, die endlich raus zu den Apfelbäumen wollten.

Persönliche Wertung: 8 von 10 Punkten auf der Cy-Twombly-Skala