Zuallererst ist da der Bart. Dieser Schnurrbart, der Dr. John Watson auf verblüffende Weise vom London des 21. Jahrhunderts ins Viktorianische Zeitalter katapultiert, rein optisch jedenfalls. "Den müssen Sie abnehmen; ich kann mich nicht mit einem alten Mann blicken lassen", sagt Sherlock Holmes. Watson nimmt den Bart ab. Aber erst nachdem er Holmes eine verpasst hat. Weil er wieder da ist. Weil er nicht tot ist, wie er vorgegeben hat. Weil er seinem treuesten Freund und Begleiter den Schmerz des Verlustes zugemutet hat.

Rückblick auf das Ende der zweiten Staffel von Sherlock: Der Meisterdetektiv stürzt sich vor Watsons Augen vom Dach des St. Barts Hospitals. Die letzte Szene zeigt Watson am Grab des Freundes. Nun ist die dritte, nur aus drei Episoden bestehende Staffel, in der ARD zu sehen.

Es gibt vieles an der BBC-Produktion, das schlicht und einfach brillant zu nennen ist. Allem voran Hauptdarsteller Benedict Cumberbatch mit seinen stechend hellen, schräg stehenden blauen Augen und einem Gesicht, das sich innerhalb von Sekunden von einer starren Maske zu einem Spiegel von Hunderten gleichzeitig aufscheinender und wieder unterdrückter Gefühlsregungen wandeln kann. Und Watson-Darsteller Martin Freeman, der den Spagat zwischen konservativen Wertvorstellungen und Naivität so glänzend verkörpert.

Doch das allein würde nicht genügen. Vor allem ist es den Machern gelungen, den Kern der Faszination für die Figur Holmes in die Jetztzeit zu retten: Holmes’ Arroganz reizt uns zum Widerspruch und zur Konkurrenz. Seine Schrullen amüsieren uns. In erster Linie aber ist Holmes eine Sehnsuchtsgestalt. Das ist das Geheimnis. Er war es im späten 19., er ist es auch im frühen 21. Jahrhundert geblieben.

Beides sind Epochen, die in ihrer Grundstimmung durchaus vergleichbar sind; Zeiten einer kompletten gesellschaftlichen und technischen Unübersichtlichkeit. Der Original-Watson ist der personifizierte Widerstand gegen die rasende Zeit: Niemals, so sagte er einmal, würde er einen Schritt in diese neumodische U-Bahn tun. Und als er im letzten Band Seine Abschiedsvorstellung lernen muss, das von Holmes angeschaffte Automobil zu fahren, stellt er sich nicht ganz unfreiwillig ziemlich dämlich an.

Holmes aber durchschaut die untergründlichen Signaturen der Epoche. Für uns, die wir sie nicht durchschauen. Er kann das, was wir alle gerne könnten: ein winziges Detail betrachten und aufgrund dessen das Große und Ganze erklären. Er erlöst uns aus unserer Hilflosigkeit.

Wo die TV-Ermittler von heute zumeist in den Fallstricken von Patchworkfamilien und technischer Überforderung (und den sich daraus ergebenden Klischees) gefangen sind, steht Sherlock über allen und allem. Quasi aus der Vogelperspektive erkennt er die Strukturen und sortiert Figuren, Motive, Handlungen darin ein. Er ist, buchstäblich, der Überflieger. Er tröstet uns, dass wir mit der Welt nicht zurechtkommen, indem er diesen Zustand zum Zustand des Normalen erklärt. 

Das Übernormale, das zugleich Entemotionalisierte, also er selbst, übernimmt den Job für uns. Er ist die romantische Verkörperung des Geniebegriffs mit den technischen Mitteln der Gegenwart.