Im Juli 2012 wurde in einem Städtchen im Nordosten Malis ein junges Paar gesteinigt, weil es nicht verheiratet war. Das schreibt die Scharia vor, die islamistische Rebellen in der Region durchsetzen wollen. Die Frau und der Mann hinterlassen zwei kleine Kinder. In welche Zukunft wachsen sie hinein? In keine gute, wenn wir nichts unternehmen, sagte sich der mauretanische Filmemacher Abderrahmane Sissako. Sein Film Timbuktu ist seine Antwort auf die Steinigung.

Der Film zeigt, wie die Islamisten nach der Scharia bestrafen. Zwanzig Peitschenhiebe. Vierzig Peitschenhiebe. Achtzig Peitschenhiebe. Und, ja, man sieht auch die Steinigung eines jungen Paares.

Dennoch ist es ein sehr ruhiger, beinahe stiller Film. Sissako schockiert die Zuschauer nicht, er manipuliert nicht – was so einfach wäre – ihre Gefühle. Er zeigt vielmehr, wie sich die Angst vor den Dschihadisten allmählich in die Köpfe der Frauen, Männer und Kinder hineinschleicht und sie irgendwann nicht mehr loslässt.

Das Leben verändert sich. Die Menschen verschwinden gleichsam aus ihm. Eben noch hat die Frau feilschend ihren Fisch verkauft, der junge Mann auf seiner Gitarre gespielt, ist der Junge seinem Fußball nachgelaufen. Jetzt sind diese Menschen nur noch Schatten. Als wollten sie sich unsichtbar machen, gleiten sie an den Männern vorbei, die sich Islamische Polizei nennen und in den Gassen der Stadt kontrollieren, ob die Frauen selbst beim Fischeausnehmen ihre schwarzen Handschuhe tragen, aus welchem Haus die verderbliche Musik dringt, welchem Kind der Ball gehört.

 Zwanzig Peitschenhiebe. Vierzig Peitschenhiebe. Achtzig Peitschenhiebe.

Es scheint unglaublich, aber Sissako gelingt es sogar, Szenen voll zartem Humor zu inszenieren. Einen sehr bitteren freilich. Wir sehen einen staubigen Bolzplatz, zwei Tore und ein Dutzend Jungs. Einer trägt ein Messi-Trikot. Der Junge reckt seinen Arm nach oben, um seinem Mitspieler zu signalisieren, dass er frei steht. Er tritt an, hebt den Fuß, um nach dem Pass den Ball anzunehmen. Doch da ist kein Ball. Die Jungen führen eine Art grotesker Pantomime auf. Statt eines echten Balls bleibt nur ein Staubfähnchen, das aufwirbelt, wenn sie ins Leere kicken.

Die Hauptprotagonisten sind Kidane (Ibrahim Ahmed) und seine Frau Satima (Toulou Kiki). Sie leben mit ihrer gemeinsamen Tochter Toya halbnomadisch außerhalb des Städtchens in der Sahara. Der 12-jährige Issan hütet Kidanes Kuhherde und führt sie regelmäßig an den Niger, um sie zu tränken. Ihr Zusammenleben ist so karg wie harmonisch. Sie singen, sie trinken Tee, sie spielen "Rate mal, woran ich denke". Die Zeit ist lang und die Stadt eigentlich weit weg. Doch auch hierher kommen die Islamisten mit ihren SUVs, um nach dem zu schauen, was sie das Rechte nennen.

Dann passiert ein Unglück. Ein Fischer am Niger tötet eine von Kidanes Kühen und im darauf folgenden Streit löst sich aus Kidanes Pistole ein Schuss, der den Fischer tödlich verwundet. Kidane wird zu den Islamisten gebracht.