Bei völliger Abwesenheit von Vertrauen könne man morgens nicht mal das Bett verlassen, schrieb der Soziologe Niklas Luhmann. Die Kontingenz des Lebens zwingt uns dazu zu verdrängen, dass wir bereits mit dem Aufstehen unberechenbare Gefahren auf uns nehmen. Komplizierter wird es, wenn wir nicht einmal darauf vertrauen können, dass uns der Nachbar wegen der neuen Hecke oder unserer politischen Orientierung nicht die Autoreifen zersticht. Zwischenmenschliche Beziehungen sind der Gipfel der Unvorhersehbarkeit.  

Seit einigen Jahren machen US-amerikanischen Fernsehserien das Misstrauen zum zentralen Moment historischer und politischer Fernsehdramen. Dabei wird, ganz im soziologischen Sinne, kollektive Paranoia auf zwischenmenschliche Beziehungen heruntergebrochen. In The Americans beispielsweise, einer Serie über zwei Undercover KGB-Agenten, die in der Nähe von Washington ein vermeintlich idyllisches Vorortfamilienleben führen, wurde die Paranoia des Kalten Krieges zum Nachbarschaftsproblem verkleinert. 

In House of Cards erlaubt uns der demokratische Kongressabgeordnete Frank Underwood Einsicht in seine meisterlich gestrickten Intrigen, ohne uns dabei auch nur eine Sekunde im Glauben zu lassen wir könnten seinen nächsten Zug im Washingtoner Machtspiel vorhersehen. Selbst die vermeintlich historisch losgelöste Fantasy-Serie Game of Thrones, die metaphorisch das reale global-politische Kräftemessen persifliert, fällt in diese Reihe, da hier jegliches Vertrauen mit dem Verlust von Körperteilen oder gar dem Leben bezahlt wird.


Zum Beginn der diesjährigen Frühlingssaison sind zwei neue Serien gestartet, die sich auf den ersten Blick mit dem amerikanischen Nationalcharakter beschäftigen. Turn beschreibt den Beginn des Culper Ring, eines Spionagerings, der während der amerikanischen Revolution in den 1770ern den britischen Truppen das Leben schwer machte. Salem lässt um 1690 Hexen auf puritanische Siedler los. Hinter diesen zentralen Momenten des US-Gründungsmythos – Unabhängigkeitskrieg, puritanische Ethik und der Individualismus der Pilgerväter – stehen jedoch jeweils zwischenmenschliche Beziehungen, deren Fundament Misstrauen ist.

Vorteil durch Informationshoheit

Es sind historische Kräfte – die Streitkräfte der britischen Krone gegen George Washingtons Kontinentalarmee, zu Beginn des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs um 1776 – die Abe Woodhull, einen Kohlfarmer aus Setauket, in Turn zum Spion machen. Nachdem Kohlmaden ihm die Ernte vernichtet haben, versucht er sich und seine Familie mit Schmuggelgeschäften über den Winter zu bringen. Abe, passend besetzt durch den hageren Jamie Bell, wird während seiner Schmuggelreisen ins anliegende Connecticut von zwei Jugendfreunden, die im Dienste George Washingtons kämpfen, angeworben. Er soll britische Truppen ausspionieren und Washingtons Armee einen entscheidenden Vorteil durch Informationshoheit ermöglichen.

So weit, so nah an der Buchvorlage, der Turn sich bedient: Washington's Spies: The Story of America's First Spy Ring des Historikers Alexander Rose. In der Serie steht Abe zwischen allen Fronten: Sein Vater arbeitet eng mit den britischen Truppen zusammen, auch seine Frau Mary sähe ihren Gatten lieber auf Seiten der Engländer. Ihr Gegenpart, Anna Strong, Abes Jugendliebe und Revoluzzerin, pocht auf eine Herzensentscheidung für ein neues Amerika.

Interessanter als die vielschichtigen und allegorisch aufgeladenen Figuren sind die höchst fragilen Allianzen, die Abe mit ihnen eingeht. So muss er öffentlich und unter den Augen des Vaters und der britischen Truppen der Krone Treue schwören – während der Zuschauer weiß, dass er bereits seine Spionagetätigkeit aufgenommen hat. Der unsichtbare Spionagering macht jeden Satz doppeldeutig und aus Sicht der Figuren jedes Gegenüber zum potenziellen Verräter oder Verbündeten. Als Zuschauer folgen wir einem Schauspiel des Misstrauens.