1.000 Euro für dein Herz – Seite 1

"Wollt ihr Sandra oder euren Bonus?" Auf diese Frage lässt sich der Film Zwei Tage, eine Nacht reduzieren. Sandra (Marion Cotillard) ist die Angestellte eines kleinen Unternehmens, die entlassen werden soll, damit die anderen 16 Kollegen je 1.000 Euro Prämie erhalten können. An einem Freitag haben sie darüber abgestimmt. Außer Juliette und Robert, mit denen Sandra befreundet ist, haben alle für den eigenen Bonus votiert. Jetzt bleibt Sandra das Wochenende – zwei Tage und eine Nacht – jeden einzelnen der Belegschaft zu überzeugen, doch noch für sie zu stimmen. Denn eines hat Juliette für Sandra gegenüber dem Chef wenigstens aushandeln können: dass die Wahl am Montagmorgen noch einmal, diesmal geheim, wiederholt wird.

"Sandra" oder "Bonus" – knapper und treffender als Jean-Pierre und Luc Dardenne kann man die wirtschaftliche Krise kaum aufs Menschliche herunterbrechen.

Seit drei Jahrzehnten drehen die belgischen Filmemacher vor allem Sozialdramen und haben dabei dieses Genre mit dem hässlichen grauen Etikett gründlich erneuert. Sie zeigen nicht nur, wie die Welt um uns herum ist: alltäglich, traurig, manchmal richtig schlimm und dann wieder unerwartet wunderschön. Sie hängen auch mit der Kamera an ihren Protagonisten und folgen jeder scheinbar noch so nichtigen Bewegung. Dabei sind alle Details so durchdacht, bis das Ergebnis völlig selbstverständlich wirkt und dennoch überwältigende Wirkung hat.

Wie die Farbe des T-Shirts, das Sandra trägt. Es hat den gleichen Ockerton wie die Hauswand, so dass Sandra schon optisch zu verschwinden droht, als ihr die eine Kollegin absagt. Oder die Haustürklingeln: Die scheinen hier immer etwas höher zu hängen als üblich, so dass Sandra immer etwas kleiner wirkt, bevor sie mit ihren Kollegen sprechen kann. Und wenn sie etwa über die Straße geht, kann man daran sehr wohl ablesen, ob einer seine Meinung für sie revidiert hat oder ob der Besuch vergeblich war.

Nichts ohne ihre Arbeit

In dem Versuch, mindestens sieben ihrer Kollegen umzustimmen, wird Sandra unterstützt von ihrem Mann Manu (Fabrizio Rongione, der zur festen Crew der Dardennes gehört). Er liebt sie aufrichtig und glaubt anfangs mehr an seine Frau, als sie an sich selbst. Denn Sandra ist noch labil, sie erholt sich nur langsam von einer Depression. Ihre neue Arbeitsstelle war für den  Heilungsprozess so wichtig, dass sie, als der Job an dem besagten Freitagnachmittag wegbricht, tatsächlich den furchtbaren Satz sagt: "Ich bin nichts."

Es ist ein tiefes und zerstörerisches Gefühl der Nutzlosigkeit. Viele, die ihre Stelle verlieren, berichten davon, und wer hat es nicht sogar selbst schon gespürt, wenn ihm während der Arbeit ein Fehler passiert ist? "Du bringst nicht die volle Leistung", erklärt einer ihrer Kollegen, als Sandra ihn an diesem Wochenende aufsucht. Das habe ihm der Chef gesagt und es sei nach ihrer Krankheit ja auch kein Wunder. In einer Arbeitswelt, in der ausschließlich die Leistung zählt, ist kein Platz mehr für Kranke oder Rekonvaleszente. Wer schwächelt, muss gehen. "Wer denn sonst?", fragt der Kollege noch. Die Frage meint er völlig ernst.

Hätte Sandra selbst anders gestimmt?


"Jeden Tag sehen wir in Belgien oder anderswo die Leistungsbesessenheit der Arbeitswelt", sagt Jean-Pierre Dardenne, "und wie die Arbeitnehmer zu einem grausamen Gegeneinander getrieben werden." Wenn der Chef nicht Sandra entlässt, wird er einen anderen entlassen – der Gedanke erscheint hier keinem abwegig.

Es ist ein cleverer Kniff der Dardenne-Brüder, Sandra als unsichere Person zu zeichnen. Sie kämpft nicht mit allen Mitteln um die Stimme ihrer Kollegen. Sie argumentiert kaum und bettelt nicht. Nur einmal stellt sie die Frage, die über jedem Gespräch hängt, tatsächlich: "Hast du kein Herz?" Die gilt ihrem Vorgesetzten. Sie erspart sie ihren Kollegen. So können sich die meisten, möglichst rasch unter Hinweis auf das eigene prekäre Leben, entschuldigen. Einige bitten sogar: "Versetz' dich doch mal in meine Lage!"

Das mutet nur auf den ersten Blick absurd an. Denn tatsächlich kann man fragen, wie Sandra sich entscheiden würde, wäre es nicht sie, sondern einer der anderen, der hier von Haustür zu Haustür ginge. Es ist bei aller Sympathie, die sie ausstrahlt, keineswegs ausgeschlossen, dass auch sie in einer ersten Abstimmung für ihr Geld votiert hätte.

Jeder braucht 1.000 Euro mehr

Zwei Tage, eine Nacht spielt in einer Welt, in der jeder 1.000 zusätzliche Euro gut gebrauchen kann: Rechnungen und die Miete müssen bezahlt, Kinder auf weiterführende Schule geschickt werden. Jeder muss hier – genau wie Sandra und ihre Familie – aufs Geld schauen. Niemandem wäre der Bonus ein Luxus. Anstand hat hier einen bezifferbaren Preis. Das zeichnet das Kino der Dardenne-Brüder aus: Es gibt keine Guten und keine Schlechten. "Ein Film ist schließlich kein Gericht", sagen sie. 

Dennoch: Jede Stimme für den Bonus geht gegen Sandra. Mit Bedacht haben die Filmemacher ein Unternehmen gewählt, dessen Arbeitnehmerschaft klein genug ist, um nicht gewerkschaftlich organisiert zu sein. Solidarität ist hier nicht institutionalisiert, sondern müsste von selbst entstehen. Das ist die vielleicht bitterste Feststellung des Films: Dass kein einziger auf die Idee kommt, gegen die Wahl aufzubegehren.