Dass man in Deutschland ein Humorproblem hat, lässt sich nirgendwo besser überprüfen als im Kino. Die deutsche Komödie entwickelt dort geradezu (sexual)pathologische Züge – derzeit wieder vortrefflich an Miss Sixty zu beobachten. Wobei sich Pathologie und Komödie grundsätzlich nicht ausschließen, schließlich besitzt Humor in homöopathischen Dosen eine durchaus therapeutische Wirkung. Doch das Unbewusste und Verdrängte, das sich in der deutschen Komödie oft auf so unschöne Weise Bahn bricht, dient selten der Zuspitzung von Mentalitätsbeschreibungen. Sie führt der Einfachheit halber lieber plump eine Befindlichkeitsstörung vor. Dabei kann auch Ambivalenz ein interessantes komödiantisches Stilmittel sein.

Benjamin Heisenberg hat nun das kränkelnde Genre in seinem dritten Spielfilm Über-Ich und Du im übertragenen Sinne erst einmal auf die Couch gelegt. Er erzählt eine Buddy-Komödie mit zwei genretypisch gegensätzlichen Charakteren, die der Zufall wider Willen zusammenführt. Die schon leicht senile Psychoanalyse-Koryphäe Curt Ledig (André Wilms) bekommt von seiner Familie einen Anstandswauwau vorgesetzt. Eine Aufgabe, die der windige Lumpenproletarier Nick Gutlicht (Georg Friedrich) notgedrungen übernimmt. Er muss sich vor rabiaten Gläubigern verstecken und nutzt darum erleichtert die Gelegenheit, für zwei Wochen in Ledigs Bungalow am Ammersee einzuziehen.  Hier muss er sich bloß mit dem exzentrischen Alten arrangieren, der in seinem hochgradig volatilen Aufpasser ein ausgezeichnetes Studienobjekt erkannt hat.

Friedrich alias Nick dient dem deutschsprachigen Kino als eine Art Allzweckwaffe für die hedonistisch ausgelebte Normabweichung und auch hier verschafft er sich mit seiner einnehmenden Physis und seinen bräsigen Wiener Manierismen gewohnt viel Raum. Dabei trifft er mit Wilms alias Ledig diesmal jedoch auf einen Gegenpart, der die Kunst des Understatements beherrscht.  

Nun ist auch die Psychiater-Couch eine reichlich überstrapazierte Humor-Requisite, doch Heisenberg hat zumindest eine wissenschaftliche Erkenntnis seines berühmten Opas Werner verinnerlicht: Je genauer man seinen Gegenstand zu bestimmen versucht, desto ungenauer werden die Messwerte. Womit das Problem der deutschen Komödie umrissen ist: Je eindeutiger die Witze, desto undifferenzierter wird ihr Zielobjekt. Der Erkenntniswert deutschen Humors bleibt überschaubar. So belässt Heisenberg seine Figuren und ihre Verstrickungen lieber im Vagen, und die Stimmen, die in Über-Ich und Du ständig zu hören sind, könnten ebenso gut aus den Heißluftballons kommen, die immer wieder ohne Grund über den Protagonisten auftauchen, wie pure Einbildung sein.

Über-Ich und Du handelt von zwei sehr unterschiedlichen Schuld-Komplexen. Nick braucht Geld, um sich seine Gläubiger vom Hals zu halten. Also verscherbelt er heimlich Sammlerstücke aus der Privatbibliothek seines Hausherren an eine Gelegenheitsfreundin, die einen kleinen Buchladen betreibt. Der alte Ledig dagegen schlägt sich mit einer moralischen Schuld herum. Er war in jungen Jahren ein Protegé von Goebbels und will endlich mit sich ins Reine kommen. Sicher, für seine Verdrängungsthematik greift Heisenberg mit dem Dritten Reich ein im deutschen Kino ungebrochen populäres Sujet auf. Doch Heisenberg unterspielt  diesen in den institutionellen Bewältigungsmühlen der Unterhaltungsbranche inzwischen zu staatstragender Biederkeit aufgeblasenen Stoff lässig durch eine erratische Inszenierung. Und nebenbei ist es für Heisenberg auch ein willkommener Anlass, seine eigene Familiengeschichte zu verarbeiten, denn auch der eigene Großvater Werner war ein Günstling der Nazis.

Die ungleiche Freundschaft zwischen Nick und Ledig führt bald schon zu kuriosen Übertragungsleistungen. Während Ledig sich anstelle seines neuen Schützlings von den Schuldeneintreibern verprügeln lässt, leidet Nick zunehmend an Ledigs Phobien. Wobei der Film dort seine besten Momente hat, wo die etwas konstruierte Therapie-Konstellation lediglich als Vorwand für eine lockere Aneinanderreihung von slapstickartigen Intermezzi zwischen Nick und Ledig dient.

Seine grundsätzlich verschiedenen Humor-Strategien verleihen dem Film komödiantische Dynamik und sorgen immer wieder für losgelöste Momente, die nicht zwangsläufig auf eine Pointe hinauslaufen müssen, sondern auch mal reiner Selbstzweck sein dürfen. Der Zuschauer kann sich in diesen Szenen hochtrabenden Leerlaufs an dem detailreichen Ausstattungsirrsinn satt sehen. Heisenbergs Verständnis von Situationskomik böte sich durchaus als therapeutisches Mittel an, um die deutsche Komödie von einigen chronischen Krankheiten zu kurieren. Dass es ausgerechnet aus dem Umfeld der oft als dröge diskreditierten Berliner Schule kommt, sollte deutschen Humor-Produzenten zu denken geben.