Arena ist ein angriffslustiges, ein weiträumiges Wort. Vom Duden als Kampfbahn übersetzt, assoziieren viele Menschen damit rasch Corrida, Gladiatoren und Sportevents vor Zuschauermassen im antiken Circus Maximus oder hochmodernen Fußballstadien. Einvernehmliche Debatten vor einigen Dutzend Gästen in schwach ausgeleuchteten Fernsehstudios – so sieht eine Wahlarena in der ARD aus. Die Live-Sendung mit den beiden Spitzenkandidaten der Europawahl, Martin Schulz und Jean-Claude Juncker, aus einem Hamburger Hafengebäude bezeugte, wie wenig Konfliktpotenzial Vertreter widerstreitender Parteien im vermeintlichen Disput so haben können.

Die Schlussmelodie der heimatduseligen Dienstagssülze Um Himmels Willen war noch gar nicht ganz verklungen, da deutete sich bereits an, dass die folgenden 75 Minuten in der Wahlarena nicht wesentlich konfrontativer werden würden als die fröhliche Kabbelei im Kaltenthaler Nonnenkloster. Schließlich stellten sich Schulz und Juncker zwar artig den Fragen von einigen der 200 repräsentativ ausgewählten Ottonormalverbrauchern zur Europawahl am Sonntag. Dissens aber herrschte selten zwischen den Spitzenkandidaten.

Dafür sorgte das effektreduzierte Ambiente in Biolek-Simpel sowie die Stehordnung der Protagonisten; der Abstand zwischen beiden war zu groß, um Angstschweiß oder Testosteron des andern zu wittern. Wobei es sich hier auch noch um zwei politische Gegner handelt, die aus ihrer Sympathie füreinander nie ein Geheimnis gemacht haben. Den Moderatoren ging es bei der Premiere amerikanischer Townhall-Duelle auf EU-Ebene vor allem um eines: Das Publikum daheim, vor allem aber das Publikum im engen Rund vor Ort, dessen behagliches Ausmaß durch gelegentliche Vogelperspektiven vom Studiodach kaum eindrücklicher wurde.

So sieht sie nämlich aus: öffentlich-rechtliche Harmoniesucht, zelebriert zur zweitbesten Sendezeit. Und sie wird auch im Gewand kommerzieller Dramaturgie kaum aufregender. Denn es wurde allen Ernstes gejohlt wie bei der Wok-WM, als die WDR-Redakteurin Sonia Seymour Mikich den bodenständigen Sozialdemokraten mit Kassenbrille und seinen aschgrauen Gegner im stahlgrauen Anzug vorstellte. Immerhin laut geklatscht wurde noch, als ihr NDR-Kollege Andreas Cichowicz die "200 Passagiere" im Studio mit merkwürdig maritimem Vokabular bat, nun zwei "sturmerprobte Skipper, die beide Kapitän werden wollen", zu befragen. Nur noch gegähnt wurde jedoch, als eine Show begann, die keine werden sollte.

Und sie sorgte mit jeder Sekunde mehr für Abschaltimpulse. Im Grunde schon bei Frage zwei, als eine geistig greise Jurastudentin FDP-rhetorikkursgeschult und CDU-kleiderschrankstaffiert wissen wollte, was der linke Soze am Plexiglaspult wohl gegen die Abhängigkeit von russischer Energie tun werde. Spätestens da war klar: Die Fragesteller würden den festgefahrenen Karren auch nicht aus dem Sumpf der Langeweile ziehen. Wie auch

Meistens höflich, oft holprig oder ummantelt von politischen Parolen baten die Medienlaien zwei Medienprofis um Antwort und hakten von Jugendarbeitslosigkeit über Rechtsradikale, Bürgerbeteiligung, Flüchtlingspolitik bis hin zum Lobbyismus ab, was aus Wählersicht eben so abzuhaken war.

Selten ging es so eloquent zu wie in dem Fall, wo ein Bürger Junckers süffisante Rückfrage zur Ungleichgewichtung der Wählerstimmen einzelner Mitgliedsstaaten mit der korrekten Angabe der Zahl Hamburger Bundesratmitglieder konterte. Häufiger jedoch schämte man sich fremd. Etwa, wenn sich der Europaveteran Schulz mediensicher für jede noch so banale Frage bedankte, als sei dies das Finale der Debattier-WM. Oder wenn der einzige Angriff des jovialen Luxemburgers Juncker auf sein Gegenüber darin bestand, über dessen vermeintlichen Hang zum deficit spending so leise zu nuscheln, dass selbst jene nichts davon mitkriegten, die noch nicht eingenickt waren.

Und vielleicht hätte die Harmonielehre zweier gleichaltriger Polizistensöhne aus dem Kern des Kontinents ja nach Sendeschluss im Snoezelraum geendet, wäre die seltsam staksige Moderatorin Mikich dem Ganzen nicht irgendwann beherzt an den Kuschelkarren gefahren. Mit der Bitte, genau zu überlegen, "wen Sie hier foltern wollen", rief sie die Anwesenden auf, ihre Fragen nicht an beide Kandidaten zugleich zu stellen. Schließlich ging es nicht um Redezeitkonten wie beim Kanzlerduell, sondern um Volkes Wille, also möglichst viele Fragen, wie sie zu betonen nie müde wurde.

Egal, welche

Dürftig waren dann auch die Antworten. Und die Einschaltquoten. Als beide vor knapp zwei Wochen zum ersten TV-Duell der EU-Geschichte aufeinandergetroffen waren, hatten mit 1,79 Millionen Zuschauern zwei Drittel weniger eingeschaltet als üblich an einem Donnerstag zur Primetime im ZDF. Die zweite Runde erreichte ebenfalls nicht die üblichen Dienstagsquoten. 2,25 Millionen Zuschauer schalteten ein, mehr als im ZDF, allerdings dürfte das weniger an Schulz und Juncker als an den Nonnen gelegen haben, die vorher zu sehen waren.

Verbrauch des Autors während der Sendung: Zwei normgerecht gekrümmte Salatgurken und belgisches Bier mit Litschielakritzgeschmack, ohne Reinheitsgebot gebraut

Persönliche Bewertung: 416 von 500 µg/m³ auf der EU-Feinstaubrichtlinienskala