Im Hintergrund grölt sich gerade das Schlagerpartyvolk auf der Reeperbahn warm fürs ESC-Finale. Vor der Kamera steht die Pastorin Annette Behnken und erzählt, was der Vater im Himmel mit den feiernden Söhnen hier unten zu tun hat. Behnken schlägt den Bogen vom ESC über die Ukraine und wieder zurück zu Gott. Dann tritt hinter ihr Helene Fischer mit einem kirmespoppigen Song auf.

Das Wort zum Sonntag, Deutschlands älteste Sendung nach der Tagesschau, wird 60 Jahre alt. Ein Anachronismus feiert Geburtstag, und tut das womöglich nur deshalb, weil der Rundfunkstaatsvertrag den Öffentlich-Rechtlichen "Verkündigungssendungen" auferlegt. Seit das Transistorradio erfunden wurde und die CSU zuletzt in der bayerischen Opposition saß, reden katholische und evangelische Prediger Woche für Woche früher zehn, heute vier Minuten im Wechsel über Gott und die Welt.

Das Medium Fernsehen war Konservativen anfangs sehr suspekt, fast schon zuwider. Als ein Kabelbruch die für den 1. Mai 1954 geplante Premiere verhinderte, wurde das von protestantischer Seite gleich als papistischer Sabotageakt gedeutet. Und der Hamburger Pastor Dittmann rätselte in der ersten Sendung über diese komischen Apparate in deutschen Wohnstuben: "Da sprechen Menschen irgendwo, sie singen und spielen, und in einem ganz anderen Raum, Hunderte von Kilometern davon entfernt, kann man sie nicht nur hören und verstehen, sondern auch sehen und beobachten, sodass man mit ihnen im gleichen Zimmer zu sitzen meint." 

Verrückte Neuzeit.

Aber die hat sich letztlich durchgesetzt – im realen Leben wie im christlichen. Und so hat sich auch Wort zum Sonntag angepasst. Aus dem Flatscreen schallt heute keine psalmenreiche Andacht, sondern weltliches Zeugs mit religiösen Restbezügen. Gepredigt wird von Einkaufszentren und Parlamenten, von Autobahnbrücken oder Kreißsälen. Oder eben von der Reeperbahn. Die Alltagssprache hat das Bibelzitat verdrängt, Jeans den Talar. Die Sprecher bekommen Sprach-Coaching und PR-Schliff.

Man kann das Zielgruppenranschmeiße nennen oder Zeitgeist; in jedem Fall müht sich die Sendung, zwischen kommerzieller Spaßdiktatur und öffentlich-rechtlicher Anpassung Gehör zu finden. Nicht grad mit Klauen und Zähnen, aber immerhin mit Typen. Zu den mehr als 300 Predigern der vergangenen 60 Jahre fanden sich die zur Nonne konvertierte Kabarettistin Isa Vermehren, der neomoralische TV-Pastor Fliege, ein Pfarrer mit Hund und in Gestalt von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. sogar zwei Päpste.

Doch der Spott vom "Hörfunk mit Passbild", bei dem "selbst Gott einschläft", hält sich beharrlich. Von den einst 16 Millionen Zuschauern, die das Format in Zeiten einst hatte, hören heute nur noch ein Zehntel weg, äh, zu.

Mit der Resonanz ist das Wort zum Sonntag gar nicht mehr so weit weg von Deutschland sucht den Superstar, dessen Zuspruch sich ebenfalls seit Langem im freien Fall befindet. Die beiden Sendungen haben also etwas Grundlegendes gemein. Die Quote war hier wie dort spitze. Nur gesehen haben will es am Ende keiner.

Verbrauch des Autors während der Sendung:
Angesichts der Kürze nur ein Glas Messbier und eine halbe Tüte Sweet Chili Oblaten (ohne Fett gebacken), zum ESC dann wieder sündige Völlerei 


Persönliche Wertung: Drei von fünf Hosianna und zwei von drei Stoßgebeten