Der Narr lebt nicht am Hügel, er lebt im Tal. Tief unten, wo Gumpendorf – ein Teil des sechsten Wiener Gemeindebezirks – am gemauerten Bachbett des Wienflusses endet. Das Haus liegt an einer für die eng gebaute Stadt so typisch schmalen Ecke. Hier zerreißt die ehemalige Vorstadt in zwei Teile. Bergan wohnt die wohlhabende Bobo-Elite, bergab jene, die sich die Feinkost des nahen Naschmarkts nicht leisten können. Hermes Phettberg lebt an der Grenze dieser Welten. Im ersten Haus des Unten. Als Gast des Oben.

Das Haus und die Wohnung haben eine Renovierung dringend nötig. Hermes Phettberg lässt es sich nicht nehmen, trotz körperlicher Anstrengung selbst an die Tür zu kommen – die helfende Begleitperson immer dicht an seiner Seite. Er schüttelt lange meine Hand, lässt sie nicht los, sodass der Blick auf die Haut fällt, die erstaunlich jung wirkt, nahezu faltenfrei, wie bei einem Kind. "Wir kennen uns wirklich nicht", sagt Phettberg. Das stimmt.

 

Hermes Phettberg, eingetragener Taufname Josef Fenz, war in den Neunzigern ein Star, ein Darling der Wiener linksintellektuellen Schickeria, der mit seinem Fernsehformat Nette Leit Show via 3Sat auch über die Grenzen Österreichs bekannt wurde. "Leit" ist eine lautsprachliche Übersetzung aus dem Wienerischen und bedeutet "Leute". Nette Leute Show also.

Genie im verunstalteten Körper

Und Phettberg sprach mit vielen netten Leuten. Die netten Leute waren auch nett zu ihm, die Gespräche verliefen meist in entspannter Atmosphäre, kuschelig und konfliktfrei, wie es die österreichische Seele gerne hat. Doch die netten Plaudereien dienten ausschließlich dem Exhibitionismus Phettbergs, der die Geschichten seiner durchwegs interessanten Gesprächspartner mit noch interessanteren eigenen Anekdoten aushebelte, der mit teils brillantem Detailwissen selbst zu absurdesten Themen glänzte, der völlig schamlos eigene sexuelle Befindlichkeiten zum Thema machte und jedes mal aufs Neue durchsetzte, dass es in der Sendung ausschließlich um ihn ging. Die Nette Leit Show war der freundlichste Egotrip der Fernsehgeschichte, eine Format-Verarschung, die man keinem anderen Moderator durchgehen hätte lassen. Nur Phettberg, diesem Genie im verunstalteten Körper.

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild. © Nina Strasser

Der TV-Talk war die Idee des Regisseurs Kurt Palm. Josef Fenz, alias Hermes Phettberg, war der Freak, der Palm zum Erfolg fehlte; dieses späte Kind einer niederösterreichischen Winzerfamilie, aufgewachsen am Eisernen Vorhang im unwirtlichen Nordosten des Landes. In dieser sanfthügeligen, jedoch sterbenslangweiligen Landschaft besitzen viele Autoren und Schauspieler Zweithäuser – trotzige Besetzer von Feindesland, denn nirgendwo ist Österreich kleinkrämerischer und katholischer als auf diesem Stück Erde. Josef Fenz wuchs in den sechziger Jahren in einem Klima auf, das man gemeinhin als kulturfeindlich bezeichnen kann. "Für einen denkenden Menschen war das die Hölle", sagt Phettberg.

Die in der Lebenslüge des ersten Kriegsopfers ruhende Alpenrepublik wurde von ausgewiesenen Spießern regiert, die stolz waren, wenn sie sich dem Wahlvolk als Intellektuellenhasser, Kunstbanausen und Individualistenfeinde präsentieren konnten. In dieser dumpfen Atmosphäre entstanden die Verachtung des Thomas Bernhard, die Fluchtpläne des Peter Handke und die feministische Radikalität der Elfriede Jelinek. Und in dieser bleiernen Zeit entdeckte Josef Fenz seine Homosexualität. Und den Sadomasochismus.