Wo eigentlich beginnt eine Geheimdienst-Karriere? Im Job-Center, bei der Berufsberatung? Mit dem Satz "Schon als ich klein war, habe ich gerne Codes geknackt"? Oder funktioniert so ein James-Bond-Dasein auch mit Quereinstieg? Tut es. Beispiel Melissa George. Bevor die Australierin zum Fernsehstar (Schwerpunkt Spionage, Horror, Action) wurde, war sie australische Meisterin im Rollkunstlauf. Sie kann schnell rennen, auch ohne Rollen unter den Füßen, und sie hat die Schmolllippen von Angelina Jolie. Keine schlechten Voraussetzungen also für ein Leben zwischen Kunstblut und Platzpatronen.

Viel wichtiger als die Frage, wie man Geheimagent wird, ist also die Frage nach dem warum. Als Sam Hunter in der BBC-Serie Hunted, die nun auf RTL Crime läuft, hat Melissa George nämlich kaum eine ruhige Minute. Will sie in einem marokkanischen Café den Nachmittag genießen, fährt quietschend ein Geländewagen mit Mördern vor. Will sie in London eine Packung Schoko-Flakes kaufen, versucht ein grantiger Schläger, sie totzuprügeln. Und wenn Sam bei allem Trubel dann doch mal ein Schaumbad nimmt, dann nie zur Entspannung, sondern um unter Wasser die Lungen-Kapazität zu trainieren.

Trotzdem will die Spionin ihren Job zurück, nach einem Jahr verletzungsbedingter Pause (Bauchschuss, links unten). Sie will wissen, wer sie umbringen wollte. Wer wer ist und im Speziellen was und weshalb macht, muss sich die Agenten-Crew von Hunted permanent fragen. Wir fragen uns das auch. Wer ist gut, wer ist böse, wer der Typ mit dem Maschinengewehr? Und, Vorsicht! Dr. Göbel ist gar nicht Dr. Göbel, sondern tut nur so, weil der echte Göbel tot auf dem Fabrikgerüst liegt!

Ja, so ist es, das Agentenleben. Im kollektiven Wer-bin-ich-Spiel werden ein paar verlässliche Spionage-Klassiker platziert: politische Allgemeinplätze ("Die Chinesen haben viel Geld im Spiel"), Sprints durch die Großstadt, technische Raffinessen, Flashbacks in schattenwerfende Vergangenheiten und, natürlich, der traditionell gespannte Faden zwischen den Fotos der Verdächtigen an der Headquarter-Pinnwand (das Symbol arbeitender Agenten-Synapsen). Und sprachliche Gemeinplätze. "Wir müssen die Operation fortsetzen!" (Geheimdienstchef zur Agentin), "Dr. Hill, ich hole Sie hier raus!" (Agentin zu blutendem Zielobjekt), "Fehler sind tödlich für uns" (Team im Headquarter, anfangs), "Wir haben einen Maulwurf!" (Team im Headquarter, etwas später) und vor allem: "Was wissen wir?" (Jeder zu jedem, jederzeit).

Untermalt mit synthetischem Geigenzittern, pochenden Beats und Uhrenticken aus dem Off geht dieses Konzept dramaturgisch gut auf. So gut, dass man nach Folge eins Folge zwei gucken muss. Und nach Folge zwei Folge drei.

Über die Titelheldin Sam lernen wir in dieser Zeit, dass sie die beste Feldagentin der Spionage-Einheit ist. Und dass sie über jede Basisemotion, die man laut Paul Ekman so haben kann, problemlos ein unbewegtes Pokerface legen kann: Gekräuselte Stirn, irritierte Augenbrauen, subtil gespitzte Schmollmund-Lippen.  Kräuseln und Spitzen also bei Ärger, bei Freude, bei Angst, bei Verachtung, bei Trauer, bei Ekel und Überraschung (in acht Folgen Hunted kommen alle Varianten vor).

Nur, wenn Sam Kinder sieht, entgleist ihr Pokerface zu einem Lächeln. Vorsicht! Eine Achillesferse? Und Zufall, dass die Agentin für ihren neuen Undercover-Fall ausgerechnet in die Rolle eines Kindermädchens schlüpft? Die Agentin in uns wispert: Das riecht nach Ärger!

Verbrauch der Autorin während der Sendung: 7.000 Passiv-Kalorien beim Betrachten von ebenso vielen agentischen Sporteinheiten.  

Persönliche Wertung: 1,5 von 2 Schmoll-Lippen auf der Jolie-Skala. Mehr kann nur Pamela Anderson.