Onur Ünlü (40) ist einer der bekanntesten Regisseure und Drehbuchautoren der Türkei. Sein neuester Film Itirazım var (Ich widerspreche) ist eine kleine Revolution im türkischen Kino: Der Held, Imam Selman Bulut, wird zum Detektiv, nachdem beim Mittagsgebet einer der Betenden ermordet wird. Es stellt sich heraus, dass der Mann ein Kredithai war.

Das ist nur die vordergründige Story.  

Das eigentlich Besondere an diesem Film ist die Darstellung des Imams: Ein undogmatischer, cooler, witziger Mann Gottes, der sich mit weltlichen Dingen auseinandersetzt (hat neben Theologie auch Politik und Anthropologie studiert, spielt Schach und boxt), der bei anderen Lebensentwürfen nicht gleich durchdreht (seine Tochter, eine Kunststudentin, modelliert gern Frauenfiguren mit sehr großen Brüsten und lebt in wilder Ehe mit ihrem Freund zusammen).

Selman Bulut ist ein Imam des 21. Jahrhunderts, ein Imam der Gezi-Generation, der dem Missbrauch des Islam durch Regierung und Kapital widerspricht und an einen Gott glaubt, der barmherzig ist. Ein Film, der auch in Deutschland Interesse erregen könnte.

ZEIT ONLINE: Herr Ünlü, Sie rütteln ziemlich an dem Klischee des frömmelnden, ungebildeten Imam. In Ihrem Film Itirazım var wird der Imam zum barmherzigen, liberalen Menschen, er ist nicht der strenge, abgehobene Religionsdogmatiker. Warum hat das nicht mehr Menschen in die Kinos gezogen – besonders nach Gezi, wo ein Großteil des Landes so viele Gewissheiten infrage gestellt hat?

Onur Ünlü: Unser Film hatte nur 60 Kopien, Blockbuster in der Türkei haben um die 500 oder 600 Kopien. Das ist vielleicht ein Grund. Dort, wo er gezeigt wird, schauen ihn sich die Menschen auch an. Aber es sind zu wenige. Wir hatten etwa 100.000 Zuschauer. Das ist nicht schlecht für einen eher "kleinen" Film. Er hat auch schon einige Preise bekommen – in der Türkei verkaufen sich Filme nie gut, die ausgezeichnet werden. Das ist leider ein Problem in unserem Land.

ZEIT ONLINE: Das Kulturministerium hat die Altersgrenze für Ihren Film von ursprünglich 12 auf 18 heraufgesetzt. Warum?

Ünlü: Das weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. Angeblich sei er bedenklich für das seelische Wohl von Kindern. Er verletze die Ehre von Menschen (gemeint sind Imame, Anm. d. Red.) und Moralvorstellungen, die Gewaltdarstellungen seien zu heftig. Wir haben dem widersprochen. Darauf wurde die Altersgrenze auf 15 festgelegt. Das haben wir auch nicht verstanden. Warum 15? Wenn es eine politische Entscheidung war, ist es Zensur und ein großes Problem; wenn es keine politische Entscheidung war, ebenfalls. Ich habe mit den Menschen, die das entschieden haben, nicht persönlich gesprochen. Ehrlich gesagt, habe ich auch kein Interesse, ihnen zu begegnen.

Ich glaube aber nicht, dass es von oben kam, sondern dass es vorauseilender Gehorsam war. Diese Typen haben sich den Film angeschaut und Panik bekommen, dass es Ärger von oben geben könnte. Wenigstens wurde so mehr über den Film gesprochen.

Unser Imam ist ein Typ, der sagt: Dem widerspreche ich.

ZEIT ONLINE: Ihr Film berührt viele Probleme in der Türkei: Turbokapitalismus, die Instrumentalisierung der Religion, die Situation von Minderheiten, Gewalt gegen Frauen und Kinder. Sie kritisieren auch die Regierung scharf. Gleichzeitig ist da dieser große Respekt gegenüber dem Islam.

Ünlü: Das alles haben wir gemacht? (lacht). Uns war es sehr wichtig, Kritik zu üben, ohne jemanden zu beleidigen oder zu erniedrigen. Das nämlich ist sehr einfach. Wir wollten keine Herzen brechen. Es geht hier auch nicht um die Frage: Religion ja oder nein, sondern darum, dass die Herrschenden die Religion so auslegen, wie es ihnen passt. Das ist kein neues Phänomen der jetzigen Regierung, das haben die Osmanen auch schon gemacht. Und unser Imam ist ein Typ, der sagt: Dem widerspreche ich.

ZEIT ONLINE: Der Imam Selman Bulut ist ein sympathischer Typ, mit dem man gern ein Bier trinken gehen würde. Wofür steht diese Figur?

Ünlü: Einige Charakterzüge haben technische Gründe: Ein Detektiv muss sich schlagen können, wenn es darauf ankommt. Deshalb das Interesse am Boxen. Die meisten Detektive haben sich irgendwann einmal mit Boxen beschäftigt oder haben eine gebrochene Nase. Sie müssen auch analytische Fähigkeiten haben, kombinieren können. Deshalb Schach. Unser Held will die Welt und die Menschen verstehen, auch die, die nicht glauben. Deshalb hat er Anthropologie studiert. Unser Imam ist kein Dogmatiker. Er will jeden verstehen. Für ihn hat jeder Mensch einen Wert, ob Gläubiger oder Atheist.

ZEIT ONLINE: Ihr Imam hat auch alevitische und armenische Freunde.

Ünlü: Ja, und das ist eigentlich nichts Außergewöhnliches in vielen Stadtteilen in Istanbul. Man fragt nicht, bist du das oder jenes, glaubst du an diesen oder jenen Gott? Das gehört sich auch eigentlich nicht für einen echten Muslim.

ZEIT ONLINE: Wie wurden Imame bislang im türkischen Kino dargestellt?

Ünlü: Als ungebildete, rückwärtsgewandte Frömmler! Aber es ging mir eigentlich auch nicht darum, einen PR-Film für Imame zu machen, der zeigt: So sind sie wirklich! Es ist das Problem der Imame oder der Religionsbehörde, an ihrem Image zu arbeiten, nicht meines. Das ist nicht mein Thema.