Wenn ein Mann Fußball schaut, im Wohnzimmer oder im Stadion, kommentiert er das Spiel. Dieses Reden über das Spiel dient der permanenten Selbstberuhigung angesichts dessen, was da auf dem Platz passiert. Denn das regt den Mann bekanntlich sehr auf. (Frauen haben andere Eigenheiten. Aber um die soll es an dieser Stelle nicht gehen.) Der Mann ruft, wenn er kommentiert, in der Regel: "Ran." "Spiel." Oder auch: "Blind!" Kleine Variationen sind möglich.

Das Sinnstiftende an diesen Aufrufen ist nicht etwa der Bezug zur Wirklichkeit, zum Geschehen auf dem Spielfeld also. Entscheidend ist, dass die Ausrufe unwidersprochen bleiben. Denn um den Mann herum, von all den anderen Männern, wird ja auch permanent "Ran", "Spiel" oder "Blind!" gerufen. Vor lauter Rufen hat da gar keiner Zeit, dem anderen zu widersprechen.

So kann denn der kommentierende Mann selig aufgehen im universalen Gebrabbel. Und das ist überhaupt nichts, worüber man lachen sollte. Das Kommentieren des Spiels ist weit mehr als bloße Selbstberuhigung: Es ist eine evolutionäre Notwendigkeit, ein Überlebenstrieb, der über die eigene fragile Stellung in der Welt, die existentielle Not, die Orientierungslosigkeit des Einzelnen hinwegtäuscht. Für ein paar Minuten zumindest.

Ob sich je ein Mensch einsamer gefühlt hat als ein Fußballmoderator?

Nun gibt es aber auch einige wenige Männer, denen das Aufgehen in der Masse der Brabbeler und Rufer nicht vergönnt ist. Die ihrer Not und auch ihrer Existenz ausgeliefert bleiben. Gemeint sind jene Männer, die von Berufs wegen die Reise nach Brasilien angetreten haben. Und nun stehen sie da, diese Männer – und müssen kommentieren, ohne begleitendes Gebrabbel. Jeder hört sie, jeder widerspricht ihnen. Ob sich je ein Mensch einsamer gefühlt hat als ein Fußballmoderator? Einsam in einem universalen, kosmologischen Sinne? Wohl kaum.

Glücklicherweise hat der Philosoph Walter Benjamin sich ein paar Gedanken über das Schicksal des Fußballkommentators gemacht, die wir all jenen ans Herz legen möchten, die sich in den vergangenen Tagen über Béla Réthy, Steffen Simons oder Tom Bartels echauffiert haben.

Geschimpft wurde da etwa über Sätze wie: "Ein Null zu Null zur Halbzeit, das sich anfühlt wie ein Null zu Null." Oder: "Wenn sie hier was reißen wollen, müssen sie was tun." Die Co-Kommentatoren traf der Spott nicht minder. Süffisant wurden etwa die Augenbrauen gehoben, als Mehmet Scholl nach dem Spiel Argentinien–Nigeria analysierte: "Er merkt sofort, dass sein Gegenspieler aus dem Spiel ist, jetzt, wo der hingefallen ist." Gestern, beim letzten deutschen Gruppenspiel, wurde sogar gegiggelt, als Oliver Kahn befand, dass es wichtig sei, dass das Tempo erhöht werde, sonst wirke das Spiel zu langsam.