Der erste Gedanke: Wow, sehen die alle gut aus! Frühes 18. Jahrhundert, das Jahr 1715, um genau zu sein, Seefahrer, Piraten, Bootsmänner, Kapitäne. Und klar, in den Nebenfiguren durften sich die Maskenbildner ein wenig austoben mit Narben, Bärten, Verkrüppelungen. Aber sonst? Ebenmäßige, strahlend weiße Zahnreihen, die, wie bei Luke Arnolds erstem Auftritt, sogar im Dunkeln leuchten; komplette, zahnspangenbegradigte Gebisse, bei Männern wie Frauen; samtene, zart gebräunte Hautpartien,  Huren mit festen Brüsten, die sie oft und gerne zeigen, dazu eine Wellness-Kulisse: Sand, Strand, hellblaues Meer. Das Zuhause der Piraten, die so nicht heißen. Wie war das noch mal mit Skorbut und Syphilis?

In der Serie Black Sails auf Pro7 werden die Bahamas und Nassau zu genau dem, was sie auch heute noch sind: zu einem utopischen Ort.

Die Serie ist sozusagen das Prequel zu Robert Louis Stevensons Roman Die Schatzinsel. Sie zeigt, wie der Schatz auf die Insel gekommen ist. Nassau ist der Heimathafen der Freibeuter. Dorthin bringen sie, allen voran der charismatische Kapitän John Flint (Toby Stephens), die erbeuteten Waren, die dort wiederum von dem englischen Händler Richard Guthrie und seiner schönen Tochter Eleanor als dessen Statthalterin (Hannah New) weiter verkauft werden. Ein einträgliches Geschäft, für beide Seiten. Man misstraut sich und braucht sich zugleich. "Vergiss nicht: Das sind weder Freunde noch Untergebene", das ist der Rat, den Eleanor von Mr. Scott, dem Faktotum des Vaters, erhält.

Kapitän Flint zitiert Homer

Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Auch in Black Sails kann es durchaus gewalttätig zugehen; es gibt brutale und blutige Prügelszenen, es wird gewürgt und gestochen. Und doch inszeniert der für die Serie angeheuerte Michael Bay seinen Kapitän Flint, der auf der Jagd nach dem legendären Silberschatz der spanischen Schatzgalone Urca de Lima ist, als einen Homer zitierenden Intellektuellen, als einen von der Sehnsucht Getriebenen, der sich nichts mehr wünscht, als endlich dem Meer entfliehen zu können. "Das sind", so sagt er zu Eleanor, als draußen ein wüstes Gelage stattfindet, "keine Tiere, das sind Männer mit gescheiterten Hoffnungen."

Nahezu demokratisch geht es in Nassau zu: Die Mannschaften haben die Möglichkeit, ihren Kapitän zu wählen. Sicher, die Wahlen gehen nicht ohne kleine und größere Geldgeschenke über die Bühne, aber wo ist das schon anders? Als der neue Koch John Silver in seine Pflichten eingewiesen wird, bekommt er gleich die Maxime mit auf den Weg: "Niemand bekommt eine Sonderbehandlung. Hier sind alle gleich." Wenn das nicht gelebte Demokratie ist.