Zwei ungleiche Brüder. Musiker und Bohemien der eine: Matt Berninger, Frontmann der Rockband The National, verheiratet mit einer Künstlerin, bekannt mit Barack Obama und Werner Herzog. Metalhead und Amateur-Horrorfilm-Regisseur der andere: Tom Berninger ist ledig und wohnt noch bei Mama und Papa. Die beiden ähneln sich höchstens äußerlich, und auch das erst beim zweiten Hinsehen.

Während der große Bruder Ernst machte mit der Karriere als Rockmusiker und die Heimat Cincinnati Richtung Brooklyn verließ, blieb Tom zu Hause. Ab und zu drehte er mit Freunden lustigen Horror-Trash, über einen Massenmörder mit Identitätskrise etwa, oder er zeichnete Totenköpfe und Zombies. Wo es hingehen sollte mit seinem Leben, davon hatte Tom keine Ahnung. Ab 2007 stiegen The National mit dem Album Boxer in den USA zu einer der heißesten Indie-Bands des Landes auf.

2011 lud Matt seinen kleinen Bruder ein, die Band als Roadie auf ihrer High-Violet-Tour durch Europa zu begleiten. Tom packte die Videokamera ein, und aus dem Material entstand Mistaken for Strangers. Ein Film irgendwo zwischen Tour-Doku, Homevideo und Selbstfindungstrip. Einer, der sehr gut in eine Zeit passt, in der die Musik-Doku eine neue Blütezeit erlebt. Das Musikfernsehen ist tot, endlich wird sie nicht mehr für reine Werbezwecke eingespannt. Sie darf wieder ins Kino.


Filmemacher entdecken die großen, emotionalen Geschichten, die sich mit diesem Genre erzählen lassen. So wie zuletzt der Oscar-Gewinner Searching for Sugarman, die Reggae-Ballade Marley oder Beware of Mr. Baker, der dem Cream-Drummer ein grimmiges Denkmal setzte.

Die Motivation für Mistaken for Strangers war sehr unterschiedlich. Matt hatte seinen Bruder vor allem auf die Tour eingeladen, um ihn aus seinem Mauseloch zu holen. "Ich wollte, dass wir uns wieder näher kommen, und ich wollte ihn dazu motivieren, selbst kreativ zu werden." Deshalb die Videokamera. Tom wiederum schwebte eine Backstage-Doku mit viel Alkohol und noch mehr Groupies vor. Eine naive Vorstellung – bis auf Matt sind die Band-Mitglieder nämlich ausgesprochen schüchtern, und auch der hält sich nach den Konzerten nur an einem Weinglas fest.