Zwei Gewissheiten sind in der Heavy-Metal-Dokumentation Wacken 3D unumstößlich. Erstens: Irgendwann wird Lemmy Kilmister seine hübschen Warzen in die stereoskopischen Kameras von Regisseur von Norbert Heitker halten. (Hat das moderne 3-D-Kino je ein würdigeres Motiv gefunden?) Lemmy und seine Band Motörhead gehören seit 25 Jahren zum harten Kern der Bands, die sich Anfang August regelmäßig vor 75.000 Metalheads, Headbangern und Moshern auf einen Acker in Schleswig-Holstein stellen, um die Heilige Messe der Stromgitarre, im Volksmund Wacken Open Air genannt, zu zelebrieren. Man darf also annehmen, dass die Anwesenden wissen, mit wem sie es zu tun haben. Sicherheitshalber schickt Lemmy aber seinen Standard-Gruß voraus: "Hallo, wir sind Motörhead, Motherfuckers, und wir spielen Rock ’n’ Roll!" 

Die andere Gewissheit untersteht gewissermaßen höheren Mächten. Doch da das Heilige Land Wacken an der Waterkant liegt, ist auf die Götter Verlass. Im vergangenen Jahr begann es am letzten Festival-Tag standesgemäß wie aus Kübeln zu schütten, sodass sich das Gelände innerhalb von Stunden in eine Morastlandschaft verwandelt. "Bestes Festival, Dreckswetter", sagt ein Teilnehmer. Aber eigentlich ist das größte Heavy-Metal-Festival der Welt erst ganz bei sich, wenn der Himmel seine Schleusen öffnet und die über Tage kultivierte Melange aus alkoholischen Ausdünstungen, Dreck, Sonnenmilch und Corpse Paint (die charakteristische Ganzkörperbemalung der Schwarzmetaller) von einem sintflutartigen Regenschauer hinweggewaschen wird. Spätestens damit geht auch der letzte Rest Zivilisation flöten.

Es ist wohl die eindrucksvollste Szene in Heitkers dreidimensionalem Sittenbild: Männer und Frauen in Superzeitlupe, tanzend, kreisend, stampfend im spritzenden Matsch, ihre Gesichter vor Ekstase verzerrt, im Moment größten Glücks nahezu eingefroren. Dazu hört man weder Gitarrenriffs noch Double-Bass – unterlegt sind die Bilder mit einer Arie aus Puccinis Madame Butterfly. Scott Ian von der Trashmetal-Band Anthrax beschreibt dieses Glücksgefühl auf seine Weise: "Ich bin ein erwachsener Mann, der in einer Metalband Gitarre spielt. Ich schulde mein ganzes Leben dem Heavy Metal. Wenn ich sage: 'Ich bin Heavy Metal', dann nur, weil ich ohne Heavy Metal ein anderer Mensch wäre."

Wacken 3D ist nicht die erste Dokumentation über das inzwischen legendäre Wacken Open Air, aber es wird in naher Zukunft sicher die ultimative bleiben. Sung-Hyung Chos Full Metal Village war eher eine anthropologische Studie des stoischen Holsteiner Menschenschlags, der sich von einer Invasion grölender Metaller nicht aus der Ruhe bringen lässt. Männer, die auf Brüste starren beleuchtete obskure Nebenaspekte des Festivals.

Heitker ist dagegen etwas gelungen, was sonst wohl nur großen Ethnografen vergönnt ist. Er fällt mit Tonnen von technischem Gerät in eine wilde Stammeskultur ein und gewinnt das Vertrauen der Mitglieder. Was auch daran liegen mag, dass der Heavy-Metal-Fan von Natur aus zutraulich ist. Der will ja nur spielen. Zu seinen angeborenen Instinkten scheint es zu gehören, in jede zur Verfügung stehende Kamera "Waaaaackeeeeeeen!" zu brüllen.

Natürlich ist das 1989 gegründete Wacken Open Air (oder kurz W:O:A) längst zu einer hochgradig kommerziellen Veranstaltung mit Merchandise-Areal, Biergärten und Mittelaltermarkt angewachsen. Heitker blendet diesen Aspekt weitgehend aus. Ihn interessiert auch nicht der enorme logistische Aufwand, der im norddeutschen Niemandsland für fünf Tage im Jahr betrieben wird. Ihm geht es allein um die Akteure: die Veranstalter, die Bands, die Fans. Die Szene. Wacken 3D filtert aus dem Event-Charakter des Festivals eine Essenz heraus, auf die sich jeder in dem am Ende eben doch sehr ausdifferenzierten Publikum (selbst die obligatorische Jeans-Kutte ist "auf Wacken" kein modisches Muss) einigen kann. Die Begriffe hierfür sind schwammig.