Ihr Leinwanddebüt war eine hübsche Hochstapelei. Sie war ein argloses Fotomodell von kaum 19 Jahren, als sie in Haben und Nichthaben (1944) eine erotisch erfahrene, ausgefuchste Abenteurerin verkörpern sollte. Ihr Gang verriet zwar die Eleganz einer ausgebildeten Tänzerin, aber am sichersten fühlte sie sich dennoch, wenn sie einfach nur, einer amerikanisierten Dietrich gleich, in einem Türrahmen lehnen und Humphrey Bogart verruchte Blicke zuwerfen durfte. Ihr Kinn hielt sie dabei schüchtern gesenkt, um nicht vor lauter Nervosität zu zittern.

Die am 16. September 1924 in New York geborene Betty Joan Perske musste sich einem harten Training unterziehen, damit auf der Leinwand aus ihr Lauren Bacall werden konnte. Angeblich zwang sie ihr Entdecker Howard Hawks, sechs Monate lang jeden Tag in einen Canyon hineinzuschreien, bis ihre Stimme tief und rau genug klang. Dann erst war sich Hawks sicher, in ihr die Idealbesetzung für seinen Typ der modernen Heldin gefunden zu haben: eine Frau, die sich in der Männerwelt behaupten kann.

In Haben und Nichthaben ist sie selbstbewusst und willensstark, will sich nicht abfinden mit den traditionellen Klischees der schutzbedürftigen Unschuld oder des Sexobjekts. Sie ist glamourös und verführerisch, kennt ihren eigenen Wert genau; Gefahren lassen sich mit ihr partnerschaftlich meistern. Ihre Liebesgeschichte mit Bogart ist, wie auch später in Tote schlafen fest (1945), ein erotischer und spielerischer, dabei wechselseitiger Lernprozess, eine launige Lektion in Achtung und Verantwortung.

Nicht zuletzt wegen ihrer Ehe mit Humphrey Bogart wurde die junge Bacall ein einzigartiges Publicity- und Marketing-Phänomen. Sie ist gleichsam die patente Urahnin jener Fotomodelle, mit denen sich das Kino seit Ende der sechziger Jahre regelmäßig schmückt. Der Modewelt blieb Bacall seitdem übrigens treu, spielte eine stilvolle Zeichnerin in Vincente Minnellis Ehekomödie Warum hab' ich ja gesagt? (1957), redigierte 1979 die Weihnachtsausgabe der französischen Vogue und nötigte Robert Altman, ihr in seinem sarkastischen Fashion-Zirkus Prêt-à-porter (1994) den Part einer herrischen Redakteurin zu überlassen: "Ohne mich kannst Du den Film nicht machen!"

Ironie und Widerspruchsgeist

Gemessen an der Leinwandautorität, in die sie allmählich hineinwuchs, weist ihre Filmografie freilich nur wenige Rollen auf, in denen sie ihr Talent entwickeln konnte. Nachdem Hawks seinen Vertrag mit ihr an Warner Brothers verkauft hatte, geriet sie regelmäßig mit Produzenten und Studioleitung aneinander, weil sie undankbare Parts beharrlich ablehnte. Nur ihr erster Ehemann, mit dem sie auch im Leben einen ausgeprägten Widerspruchsgeist gemeinsam hatte, und ihr Idol Bette Davis wurden ähnlich häufig zur Strafe suspendiert. Ihr Engagement während der McCarthy-Ära gegen die Schwarze Liste gaben sie und Bogart erst nach massivem Druck der Studios und Produzenten auf.

Obwohl sie 1976 auch in dem Spätwestern Der Scharfschütze an der Seite des sterbenden John Wayne eine gute Figur machte, war sie am besten auf der Leinwand, wenn sie moderne Frauen von urbaner Eleganz spielte. Nach Ablauf ihres Vertrags mit Warner Bros. brillierte sie als am Ende doch romantische Glücksritterin in Wie angelt man sich einen Millionär (1953). Als Frau, die ihre Gefühle zu beherrschen weiß, brachte sie in die Eastmancolor-trunkenen Melodramen wie Minnellis Die Verlorenen (1955) und Douglas Sirks In den Wind geschrieben (1956) einen ironischen Unterton ein. In den sechziger Jahren kam sie dem Kino beinahe abhanden, feierte Erfolge am Broadway (u.a. in Die Kaktusblüte) und heiratete in zweiter Ehe ihren Schauspielerkollegen Jason Robards.

Erst 1974 strebte sie in der Agatha-Christie-Verfilmung Mord im Orient-Express ein Leinwand-Comeback an. Die Figuren, die sie fortan spielte, haben oft im Beruf eine Machtposition erreicht, für die sie im Privatleben raubeinig den Preis zahlen. Bacall überzeugendste Rolle war letzthin die der Überlebenden einer wechselvollen Karriere.

Der schon als sicher geltende Oscar als Beste Nebendarstellerin in Liebe hat zwei Gesichter ging 1997 aber doch an Juliette Binoche. Sie ließ sich noch immer mit skeptischer Abenteuerlust auf anspruchsvolle Rollen wie in Birth und The Walker ein – und gar auf europäische Eskapaden wie etwa Lars von Triers Dogville – und zog das stolze Resümee: "Ich hatte meine Glanzzeit nie hinter, sondern immer vor mir."

Am Dienstag ist Lauren Bacall im Alter von 89 Jahren einem Schlaganfall erlegen.