Matthias Brandt ist einer der Schauspieler, die etwas gemacht haben aus ihrer Sonntagabendkrimikommissarshauptrolle. Tatort- beziehungsweise Polizeiruf-Ermittler (man darf das schon synonym setzen, auch wenn der Tatort die dickere Marke ist) kann man sich ja vorstellen wie das Ministerpräsidentenamt in der Politik; da gibt es die Lieberknechts, Becks und Stoibers, die in der jeweiligen Landeshauptstadt immer schon auf dem Feldherrenhügel ihrer Möglichkeiten angekommen sind.

Und es gibt die Helmut Kohls und Gerhard Schröders, die, wie es so schön heißt, bundespolitische Ambitionen haben. Was im Fernsehen bedeutet, entweder so formatberühmt wie Schimanski aka Götz George zu werden oder sich für höhere Aufgaben in den wenigen besseren der vielen deutschen Fernsehkinofilme zu empfehlen.

Matthias Brandt gehört zu letzterer Kategorie, ebenso Nina Kunzendorf (nur fünf Folgen lang als Conny Mey in Frankfurt/Main). Oder Axel Milberg, der als Klaus Borowski im Kieler Tatort ein Darling der Reihe ist und der, merkwürdigerweise, im neuen Münchner Polizeiruf 110: Morgengrauen als Schulfreund von Brandts Kommissar Hanns von Meuffels auftritt.

Zuflucht für alle Männer

Im Vergleich mit Milberg kann man sehen, was Brandt nicht ist, das heißt, man müsste es genauer andersherum sagen: Man kann an Brandt sehen, was Milberg nicht ist. Schließlich ist Milberg der spleenigere Charakter, nicht selten stellt er Männer an der Grenze zur Verrücktheit dar. Im Polizeiruf nun den Psychologen Max Steiner, der in der ersten Szene wie ein Kauz hinter dem Akten seines Schreibtischs zu verstauben scheint (und den alten Freund entsprechend erst spät erkennt).

Milberg wird gemocht dafür, wie er abweicht von so etwas wie Norm. Während Brandts Beliebtheit damit zu tun hat, dass er vorstellt, wie Männer gut aussehen können in Zeiten ihrer Verunsicherung. Das macht ihn für Frauen attraktiv. Und zu einer Zuflucht für alle Männer: jene regressiven, die ihre ganze Energie darauf verwenden, den Feminismus als Hirngespinst abzutun, ebenso wie die modernen, die nach neuen Rollenmodellen Ausschau halten. Und: Es war nicht der ideale Part, aber eben auch kein Zufall, dass Brandt vor Kurzem als superpotenter Schirrmacher-Verschnitt in Hermine Huntgeburths Fernsehfilm Männertreu besetzt wurde.

Großbürgerliche Autorität, aber kein Standesdünkel

Zu diesem Mann, der so viele Projektionen zulässt, ist er durch jenen Hanns von Meuffels berühmt geworden, den Dominik Graf und Drehbuchautor Günter Schütter in der ersten, furiosen Folge Cassandras Warnung (2011) für ihn geschrieben hatten. Plötzlich sah Brandt, der kein Schönling ist, ziemlich lässig aus: Krawatte, Jackett und Hemd, aber den obersten Knopf nicht geschlossen, Manieren und Stil, aber kein verklemmter Schnösel, großbürgerliche Autorität, aber kein Standesdünkel. "Bei mir ist es eher so eine Sippe, deren sinnentleertes Macht- und Pietätsgehabe nach der Verarmung weitergelaufen ist wie Störtebeker ohne Kopf" – mit diesem wahnwitzigen Satz über die "Von"-und-Hanns-mit-distinktivem-Doppel-n-Herkunft stellte er sich seinerzeit vor.