Wunderkind. Jetzt ist es raus. Dieses Wort, das zwanghaft Verwendung findet, wenn der Name Xavier Dolan fällt. Wer wie der Frankokanadier seit seinem vierten Lebensjahr schauspielert und mit 25 Jahren schon fünf Filme gedreht, sie geschnitten, oft die Hauptrolle übernommen, das Drehbuch geschrieben und manchmal auch noch die Kostüme entworfen hat, der wird eben mit diesem Label belegt. Was besonders Dolan ärgern dürfte, denn der hasst Etiketten und versucht in seinen Filmen, sie zu umgehen.

Vielmehr aber noch bezeichnet dieses Wort eine gewisse Hilflosigkeit, die den Zuschauer angesichts von Dolans Filmen neben großer Begeisterung bemächtigt. Denn darin steckt eine Erzählwut, der man hilflos ausgeliefert ist. Seine freie, stürmische, drängende, angstlose und jederzeit selbstsichere Handhabung der Filmsprache hat etwas Genialisches. Xavier Dolan ist allerspätestens seit seiner diesjährigen Auszeichnung für seinen neuesten Film Mommy in Cannes mit dem Großen Preis der Jury kein Wunderkind mehr. Sondern ganz einfach einer der großen Regisseure unserer Zeit. Und Sag nicht, wer Du bist ist eine Offenbarung und Widerlegung all jenen Geraunes, das vor einem schleichenden Ausbluten des Kinos als Kunstform warnt.

Nach den zwei Jahren, die er an dem Vorgängerfilm Laurence Anyways arbeitete, brauchte Xavier Dolan dringend "ein schnelles Projekt für den Herbst", wie er im Presseheft schreibt. Urlaub? Ausruhen? Nö, lieber nicht. So entstand Sag nicht wer Du bist schnell, fast aus der Hüfte heraus, in wenigen Wochen. Das Drehbuch schrieb Dolan diesmal gemeinsam mit Michel Marc Bouchard nach dessen Theaterstück.

Es geht um Tom (Xavier Dolan), der Montréal verlässt, um in der Provinz am Begräbnis seines plötzlich verstorbenen Liebhabers teilzunehmen. Dessen Mutter Agathe (Lise Roy) und Bruder Francis (Pierre-Yves Cardinal) leben auf einer Farm, umgeben von endlosen Maisfeldern. Weil Agathe nicht weiß, dass ihr Sohn schwul war, gibt Tom sich lediglich als Arbeitskollege zu erkennen. Der brutale Francis macht Tom mit Gewalt klar, dass er besser nicht die Wahrheit erzählt und weiter mit an der Legende strickt, sein Liebhaber sei mit einer Kollegin liiert gewesen. Er zwingt Tom, auch nach der Beerdigung auf dem Hof zu bleiben. Zwischen den beiden Männern entsteht eine merkwürdige, zwischen Hass, Brutalität und Anziehung changierende Beziehung. Bald wird Tom klar, dass das einsame Gehöft und die merkwürdige Beziehung zwischen Mutter und Sohn ein Geheimnis umgibt.

Sag nicht wer Du bist ist Dolans erster Psychothriller. Unverkennbar spielt er mit Versatzstücken aus dem filmischen Kosmos von Alfred Hitchcock – besonders die ockerfarbenen, vertrockneten Maisfelder dienen als Referenz an die Flugzeug-Sequenz in Der unsichtbare Dritte. Schon oft hat sich Dolan als Hitchcock-Fan zu erkennen gegeben und spielt mit dem Gedanken, dessen Cocktail für eine Leiche neu zu adaptieren. Sag nicht wer Du bist als reine Hitchcock-Hommage zu lesen, griffe aber doch wesentlich zu kurz. Der Film ist vielschichtiger. Er erzählt – wie alle bisherigen Filme Dolans – von einem vertrackten Ding: der Identität.

Oder vielmehr von deren Konstruktion. In seinen Filmen zerlegt Dolan den komplexen Prozess der Identitätsbildung in Narrative, die ihre Protagonisten an sich selbst irre werden lassen, vor allem aufgrund der Zuschreibungen durch andere. Dolans Figuren sind und bleiben auf der Suche nach sich selbst.