"Wir treten in den Herbst der Menschheit ein"

ZEIT ONLINE: Kürzlich habe ich in einem Film über den Maler William Turner eine schöne Frage gehört, die ich gerne Ihnen als Fotograf stellen würde: "Wie zeigt man den Unterschied zwischen einem Sonnenaufgang und einem Sonnenuntergang?"

Anton Corbijn: Es geht dabei wohl um die winzigen Veränderungen von einem Moment auf den nächsten. Beim Porträtfotografieren kommt es darauf an, genau den Augenblick des richtigen Ausdrucks zu erwischen. Nur einen Moment später ist der schon wieder völlig anders.

ZEIT ONLINE: Und was macht im Gegensatz dazu den Reiz des Filmens aus?

Corbijn: Man muss völlig anders denken. Man kann zum Beispiel kein Foto von jemandem in einem schwarzen Korridor machen. Aber filmen kann man es, weil man dabei in den Korridor, ins Schwarze, hineingeht und wieder herauskommt. Es findet also eine Reise statt und die ist das Interessante.

ZEIT ONLINE: A Most Wanted Man ist nun schon Ihr dritter Film. Der vierte ist im Werden. Überraschend an ihrer beruflichen Weiterentwicklung ist auch, dass Sie nicht etwa Kameramann, sondern Regisseur geworden sind.

Corbijn: Regie führen ist tatsächlich eine völlig andere Welt als die Fotografie. Wenn ich ein Bild schieße, geschieht das meist intuitiv und schnell – für meine Porträts von Miles Davis oder David Bowie brauchte ich nur fünf Minuten. Dabei werden sie mich womöglich sogar überdauern. Einen Dreh hingegen muss man gut planen, weil eine Menge Leute wissen müssen, was sie zu tun haben werden. Dennoch besteht das große Risiko, dass nach anderthalb Jahren Arbeit der Film vielleicht nichts geworden ist, nichts Bedeutendes jedenfalls.

Filme machen kostet aber nicht nur mehr Zeit. Es erfordert einen unglaublichen Kraftakt, wirklich sein Ding, seinen eigenen Film zu machen. Das bringt Eigenschaften meines Charakters zum Vorschein, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie habe: Ich kann mir nicht mehr leisten, introvertiert zu sein. Ich muss die Dinge herausbringen, formulieren. Jeden Tag musst du schnell auf jedes Problem die richtige Lösung finden, damit der Film so wird, wie du ihn dir vorstellst.

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie sich für Hamburg als Drehort entschieden?

Corbijn: Zum einen, weil John le Carrés Roman hier spielt. Außerdem mag ich Hamburg sehr mit seinem Hafen. Ich komme aus der Nähe von Rotterdam, dem größten Konkurrenten Hamburgs. Hafenstädte sind interessant, weil sie ständig dem Einfluss von außen ausgesetzt sind. Vor allem aber dreht in Hamburg keiner. Das ist fantastisch! Alles, was ich zeige, ist jungfräuliches Gebiet für die Zuschauer. Nicht wie Paris, New York, Rom oder auch Amsterdam, von denen jeder schon eine Vorstellung hat. Ich habe darüber sogar mit Wim Wenders gesprochen, der hier vor Jahren einen großartigen Film gedreht hat. Er versteht es auch nicht.

ZEIT ONLINE: Was ist so schön hier?

Corbijn: Das nordische Licht. Großartig.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Film ist es ganz gelb und grau.

"Ich mag warme Farben nicht."

Corbijn: Für mich ist es eher ein Grünbraun – Herbstfarben.

ZEIT ONLINE: Es sind sehr kalte Farben, selbst das Gelb.

Corbijn: Ich mag warme Farben nicht. Außerdem sind die kalten für mich in diesem Film auch eine Metapher dafür, wie sich die Welt verändert, wie sie sich immer schneller und radikaler spaltet. Wir treten in den Herbst der Menschheit ein. Das mag pessimistisch klingen und ich hoffe, dass ich falsch liege, aber einige der Antworten, die wir auf die Probleme nach dem 11. September geben, machen aus der Welt keinen besseren Ort.

ZEIT ONLINE: Waren Sie schon vor dem 11. September 2001 in Hamburg?

Corbijn: Ja, ich habe hier in den achtziger Jahren mit der Neuen-Deutschen-Welle-Band Palais Schaumburg mein allererstes Musikvideo gedreht und geschnitten. Depeche Mode und Leonard Cohen habe ich in Hamburg fotografiert und 1996 hatte ich eine große Ausstellung in den Deichtorhallen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie einen Unterschied in der Stadt gespürt vor und nach dem 11. September?

Corbijn: Nein, gar keinen.

ZEIT ONLINE: Dann ist der Vorspann in Ihrem Film, in dem Sie sagen, dass sich die Stadt in ständiger Alarmbereitschaft befindet, nachdem Mohammed Atta hier das Attentat vorbereiten konnte, nur Fiktion?

Corbijn: Die Sicherheitslage und die Geheimdienstarbeit haben sich verändert. Aber das findet hinter den Fassaden, vor den Bildschirmen statt, damit sich nicht wieder unter deren Nase so eine Geschichte entwickelt.

ZEIT ONLINE: Sie haben für A Most Wanted Man auch in der Stammkneipe von Mohammed Atta in St. Georg gedreht.

Corbijn: Ja, in dem Imbiss Batman hinter dem Bahnhof.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie an die Vergangenheit von Orten? Daran, dass auch sie eine Geschichte haben?

Corbijn: Oh ja! Sie tragen alle etwas mit sich. Es gibt einen holländischen Künstler, der in Berlin lebt, Armando, er erfand das Konzept von der "schuldigen Landschaft". Damit bezog er sich auf den Zweiten Weltkrieg, in dem an bestimmten Orten schreckliche Dinge passierten. Die Landschaft wächst nach dem Unheil einfach weiter, quasi schamlos, sie trägt diese Schuld jedoch mit sich. Ich finde das eine schöne Beschreibung.

"Der Kern der Geschichte ist so aktuell wie die Bush-Ära"

ZEIT ONLINE: Dann haben Sie den Ort ganz bewusst gewählt, obwohl die meisten Zuschauer von der Geschichte des Imbisses nichts wissen?

Corbijn: Wir wollten in gewisser Weise so realistisch sein, wie wir konnten.

ZEIT ONLINE: Hat die Leidensgeschichte von Murat Kurnaz beeinflusst, wie Sie den Film gedreht haben?

Corbijn: Sie hat vor allem John le Carré beeinflusst, der mit seinem Buch auch Kurnaz ein Denkmal setzen wollte. Es spielt in der Bush-Ära, als viele Entwicklungen, die wir heute sehen, gezündet wurden. Der Kern der Geschichte ist aber so aktuell wie damals: Es geht um Regierungen, die unsere Bürgerrechte einkassieren unter dem Vorwand, sie zu schützen.

ZEIT ONLINE: In ihrem Film geben Sie keinerlei Ansatz, dem Pessimismus zu entkommen.

Corbijn: Nein. Ich will nicht viel über das Ende des Films sagen, aber es ist sehr bewusst gewählt, denn ich will, dass Sie das Kino mit einem ganz bestimmten Gefühl verlassen.

ZEIT ONLINE: Das ist definitiv kein hoffnungsvolles: Vertrauen ist nicht möglich, allem Fremden wird mit Misstrauen begegnet.

Corbijn: Es geht hierbei nicht nur um politische Aggression, sondern auch um wirtschaftliche. Man belässt Menschen bewusst in der Armut. Die nordamerikanische Art, Süd- oder Zentralamerika zu sehen, ist in diesem Sinne aggressiv. Ab einem gewissen Punkt werden die Menschen darüber – verständlicherweise – sehr wütend. Auch in Gaza zum Beispiel. Wenn man jemanden lange genug schlägt, wird er das irgendwann nicht mehr mit sich machen lassen.

ZEIT ONLINE: So politisch geben Sie sich normalerweise gar nicht.

Corbijn: Nein, ich hasse die Politik. Ich kenne zwar Politiker, Tony Blair und Bill Clinton, aber in der Politik wird man meiner Erfahrung nach sehr schnell für fremde Zwecke eingespannt – selbst als Fotograf. Deshalb versuche ich, mich von ihr fernzuhalten. Ich versuche, meine Arbeit mit einer gewissen Schönheit zu tun. Ich halte Schönheit für etwas, was den Menschen ein bisschen den Kopf waschen kann. Sie kann uns dazu bringen, bestimmte Dinge zu hinterfragen.