Wie sie sich schon wieder mit der ganzen Wucht ihrer Oma-Uniform an den Türspion drückt! Als wäre das kleine Treppenhaus die große Welt. Hat Helga Beimer in den vergangenen 29 Jahren eigentlich jemals etwas anderes gemacht? Aus Mutter Beimer (Marie-Luise Marjan) ist mittlerweile Oma Helga geworden, ein Sohn ist tot, der andere Sozialhilfeempfänger, die Tochter ins Ausland geflüchtet. Aber in der Lindenstraße wohnen noch genügend andere Menschen, die sie mit ihrer Liebe erdrücken kann.

Nun läuft die 1500. Folge der deutschesten aller deutschen Seifenopern: Seit fast 29 Jahren zieht der Duft von Linsensuppe und Schweinebraten aus dem Treppenhaus der Beimers, Dresslers und Zenkers in bundesrepublikanische Wohnzimmer – was für ein Durchhaltevermögen. Ihr Schöpfer Hans W. Geißendörfer hat die Lindenstraße 1985 nach dem Vorbild der Coronation Street aus dem britischen Fernsehen angelegt. So wurde die bekannteste Fernsehstraße Deutschlands zu einem Ort, wo sich "Taube", "Hase" und "Rehlein" jeden Sonntag gute Nacht sagen – verbale Liebkosungen gegen die Alltagsgrässlichkeiten.

Zwischen Veganismus und Rechtsextremismus

Anders als hektisch hinproduzierte Soaps, bildet die Lindenstraße verlässlich die Probleme der bürgerlichen Gesellschaft ab, das ganze Spektrum zwischen Veganismus und Rechtsextremismus. Es gab Ehekrisen und Essstörungen, Aids und Alzheimer, Samenraub und Scheinehe. Urlaub im Fichtelgebirge und ein Bordell namens Alpenverein. Bundestagswahlen, Bad-Taste-Partys, Bürgerbegehren. Schwulenkuss und Zölibat. Schläfer aus dem Jemen, Atomskandale und eine Kastration per Geflügelschere. Und zu guter Letzt einen Bratpfannenmord und eine Zahnprothese namens Irmgard.

Genau dieser kittelschürzene Irmgardismus ist es, der manchmal so schwer aushaltbar ist, der aber gleichsam die Lindenstraße so einzigartig macht. Die Serie zu schauen, hat viel mit der Akzeptanz der bundesdeutschen Realität zu tun, die man so gern ausblendet, erst recht als Großstadtflüchtling. Die Helgas, Gabis und Klausis gibt es jedoch zuhauf, bei vielen sogar in der eigenen Familie. Diese ungentrifizierte Welt bereitet ein diffuses Unbehagen, weil dort die Gummibäume in den Wohnzimmern unironisch gemeint sind und Menschen die AfD wählen. Die rechtspopulistische Partei PFD – Patrioten für Deutschland – wurde in der Lindenstraße übrigens bereits 1999 gegründet.