ZEIT ONLINE: Herr Röhl, das Missbrauchsopfer Andreas Huckele und sein früherer Zimmernachbar Till Boße fühlen sich von Die Auserwählten in ihren Persönlichkeitsreichten verletzt. Können Sie das nachvollziehen?

Christoph Röhl: Nein, denn bis auf die beiden waren alle anderen Betroffenen, die den Film bisher gesehen haben, begeistert.

ZEIT ONLINE: Wenn rechtlich nichts zu beanstanden ist – können Sie den Vorwurf denn nachempfinden, angesichts der Tatsache, dass die Ähnlichkeit vieler fiktionaler Figuren mit den lebenden verblüffend ist?

Röhl: Uns war wichtig, keine Geschichte über einen Einzelfall zu erzählen, sondern über ein ganzes System. Der Grund ist klar: Im Falle der Odenwaldschule gab es mindestens 132 Schüler, die von sexualisierter Gewalt betroffen waren. Ihrem Schicksal müssten wir mit dem Film gerecht werden. Er schildert keinerlei Ereignisse, die nur Huckele widerfahren sind. Weder inhaltlich noch szenisch.

ZEIT ONLINE: Hat der Regisseur eines Spielfilms mit realer Grundlage nicht dennoch eine besondere Fürsorgepflicht gegenüber den Protagonisten?

Röhl: Die Verantwortung des Regisseurs – und die des Autors übrigens auch – ist, so authentisch zu sein, wie nur möglich. Konkret heißt das: die Mechanismen von Missbrauch wahrheitsgetreu darzustellen und das Universelle hervorzuheben. Details spielen dabei eine zweitrangige Rolle, solange die Essenz wahrhaftig ist. Es gibt viele Experten, die uns bezeugt haben, dass wir dieses Ziel erreicht haben.

ZEIT ONLINE: Hätte man dafür nicht jeden Dargestellten, also auch Andreas Huckele, intensiv am Entstehungsprozess des Films beteiligen müssen?

Röhl: Andreas Huckele wollte auf eigenen Wunsch nicht involviert werden, weil er zu dem Zeitpunkt seinen eigenen Spielfilm realisieren wollte, mit Till Boße als Regisseur. Wenn Andreas Huckele nun behauptet, der Film verharmlose die Wirklichkeit, müsste man mir konkrete Beispiele nennen, an welchen Stellen man hätte härter erzählen müssen.

 ZEIT ONLINE: Den konkreten Missbrauch zum Beispiel deuten Sie im Film stets nur an.

Röhl: Um der Gefahr des Voyeurismus vorzubeugen, die bei Kindesmissbrauch besonders groß ist. Film wirkt am stärksten, wenn er das Offensichtliche nicht zeigt. Daher müssen wir die Tat visuell nicht nochmals bestätigen. Zumal es hier um die Mechanismen geht, das Umfeld. Als ein Junge, dem der Täter das Bein streichelt, immer wieder zaghaft die Hand wegschiebt statt zu protestieren, geht es nicht um Missbrauch an sich, sondern um den Versuch des Kindes, nein zu sagen, und darum, wie der Täter darüber hinwegsieht. Das zu zeigen ist wichtig, weil die Öffentlichkeit hinterher gern fragt: Warum hast du dich nicht gewehrt?

ZEIT ONLINE: Ist dieser zweite Missbrauch am Ende sogar schlimmer als der erste?

Röhl: Das kann man weder trennen noch verallgemeinern. Aber was ich bei meinem Dokumentarfilm noch nicht verstanden hatte, war die Bedeutung des Vertrauensverlustes, der das Opfer ein Leben lang begleitet. Es hat Angst, Scham, Schuldgefühle, findet aber nirgends Gehör und unterliegt so weiter der Täterstrategie. Man darf sich keine Illusionen machen: Das Delikt wird es immer geben. Deshalb verfolgt der Film ein bescheidenes Ziel. Der Zuschauer soll abwägen, wie er selbst handeln würde, geschähe es im eigenen Umfeld.

ZEIT ONLINE: Was ist da besser geeignet: Die Doku Und wir sind nicht die einzigen, mit der Sie 2011 zum gleichen Thema Furore gemacht haben, oder ein Spielfilm, der die Realität nur zur Grundlage hat?

Röhl: Letzteres, weil er emotionaler berührt. Das sagen auch Betroffene der Odenwaldschule, die ihn gesehen haben. Mit Fiktion erreicht man grundsätzlich mehr Menschen. In diesem Fall verfolgt sie aber auch einen ganz anderen Ansatz. Meine Dokumentation hat Missbrauch in seinen Grundzügen verständlich gemacht; der WDR-Film setzt nun all dies in den Kontext der Verhältnisse, indem wir zum Beispiel Petra Grust einführen, die als Lehrerin Einlass findet in dieses geschlossene System und dagegen aufbegehrt.