Ein Junge steht auf einem grünen Hang. Die Sonne scheint, die Apfelbäume stehen herum und der Junge drischt wie ein Irrer mit einem Ast auf ein Paar Turnschuhe ein. "Na, kleine Direktorenschwuchtel?!" Feixend tauchen ein paar ältere Jungen hinter ihm auf. Sie wollen ihm die langen Haare abschneiden. "Ob du ihm dann immer noch gefällst?"

Frank ist 13 und Internatsschüler an der reformpädagogischen Odenwaldschule. Sein Schulleiter heißt Simon Pistorius. Er ist ein bekannter, angesehener Pädagoge. Und er tut Frank sexuelle Gewalt an. Regelmäßig, immer wieder.

Die Turnschuhe hat Frank von Pistorius bekommen, die Kartons stapeln sich in dessen Büro. Sie sind Teil eines Währungssystems, zu dem auch Stereoanlagen, gute Noten und Freiheit im Sinne der Abwesenheit von Regeln gehören. Und sie sind unfreiwilliges Erkennungszeichen der Opfer. Frank, beeindruckend gespielt von Leon Seidel, schleudert auf der Wiese den anderen Jungen immer wieder einen Satz in die Gesichter: "Ich bin keine Schwuchtel!"

Es ist eine von vielen starken Szenen in Die Auserwählten. Der Regisseur Christoph Röhl, der selbst Ende der achtziger Jahre als Tutor an der Schule arbeitete, hat bereits den Dokumentarfilm Und wir sind nicht die Einzigen gedreht, in dem die Opfer im Mittelpunkt stehen. Die Auserwählten zeigt, wie das System Odenwaldschule funktionierte und was die Institution zum Paradies für Pädosexuelle macht.

Erzählt wird aus der Sicht von Petra Grust, die vor Jahrzehnten Lehrerin am damaligen Vorzeigeinternat der Reformpädagogik war. 2010 bekommt sie Besuch von einem ehemaligen Schüler. Er bittet sie, zu bezeugen, was damals geschehen ist. "Du warst die einzige Lehrerin, die uns geglaubt hat." Es ist der Frank von damals.

Petra erinnert sich. Sie kommt Ende der siebziger Jahre als Biologielehrerin an die Schule. Hier ist es laut, hier ist es bunt, es wird geraucht, gesoffen und gekifft – egal, ob man Lehrkraft ist oder gerade mal zwölf. Angeblich will man hier Schüler zu mündigen Menschen erziehen. "Werde, der du bist" ist im Film wie in der Realität das Motto der Schule.

Ein Kollegium aus Tätern und Mitläufern

Doch das Gegenteil passiert. Lehrer brechen Schüler, traumatisieren sie, manche für immer. Allen voran der Schulleiter selbst, der in der Realität Gerold Becker hieß. Einen genialen Verführer, wie Becker oft genannt wurde, zeigt Ulrich Tukur als Pistorius allerdings nicht. Ganz im Gegenteil gehörte offenbar nicht sonderlich viel dazu, das gesamte Umfeld zu täuschen. Am ehesten noch Dreistigkeit.

Für Petra Grust ist die Odenwaldschule Sehnsuchtsort und berufliche Chance. Doch schnell ist sie befremdet von den dortigen Gepflogenheiten. Als sie einigen Kollegen erzählt, dass sie im Wald den Musiklehrer Manni in seinem VW-Bus nackt mit einem jungen Schüler gesehen hat, kann sie nichts ausrichten.

Es wird klar: Das Kollegium besteht aus Tätern, Mitläufern und Profiteuren des Systems. Da ist der laute Thomas (Adam Bousdoukos), der gleich zweifach profitiert. Er schläft mit einer Schülerin und verkörpert die Sorte Lehrer, die der reale Schulleiter Becker mit Vorliebe an die Schule holte: Fachlich unterqualifiziert oder vom Radikalenerlass betroffen, hätte am Ende des Oberhambachtals die Arbeitslosigkeit auf sie gewartet. Auflehnen wird sich von diesen Lehrern keiner.