Das Auto fährt im Dunkeln auf einer Landstraße gen Westen, als es kurz vor Berlin an einem Grenzposten angehalten wird. Taschenlampen blenden die beiden Frauen: "Passports please!" Die Fahrerin zeigt die Papiere vor, doch bevor er sie weiterfahren lässt, will der amerikanische Soldat das Gesicht der Beifahrerin sehen, das durch dicke Verbände verhüllt ist. Als er sie anherrscht: "Show me your face!", zuckt sie zusammen, schüttelt bittend den Kopf. "She’s not Eva Braun", versucht auch die Fahrerin zu beschwichtigen. Doch der Mann insistiert, also wickelt die gespensterhafte Gestalt langsam den Verband ab und enthüllt ihr Gesicht. Als Zuschauer sehen wir nur den Blick des Soldaten, der sich sofort erschrocken abwendet. "Sorry" murmelt er beschämt.

Die Identitätskontrolle läuft ins Leere, weil es statt einer zu identifizierenden Verdächtigen ein zerstörtes Selbst gibt, weil da buchstäblich kein Gesicht mehr ist, das gezeigt werden könnte. Es ist ein kongenialer Anfang für einen Film, der das Spannungsverhältnis von äußerem und innerem Ich, Fremdbestimmtheit und Selbstbehauptung zum Thema hat.

Die menschliche Identität ist ja eine äußerst ambivalente Angelegenheit. Einerseits sind wir ganz grundlegend auf sie angewiesen, ihre Verunsicherung oder gar ihr Verlust sind zutiefst bedrohlich. Andererseits kann es einem ebenso gewaltsamen Akt gleichen, von Außen auf eine Identität festgelegt zu werden. Mann oder Frau, krank oder gesund, verrückt oder vernünftig lassen als binäre Oppositionen keine Unschärfen zu, und damit auch keine Individualität. Die Nazis haben mit ihrer Rassenlehre die Klassifizierung als "Jude" oder "Arier" zum alles entscheidenden Identitätsmerkmal erhoben.

Nelly (Nina Hoss), die Beifahrerin mit dem verbundenen Gesicht, sollte genau deshalb umgebracht werden. In der Anfangsszene, 1945, wird sie von Lene (Nina Kunzendorf), einer alten Freundin und inzwischen Mitarbeiterin der Jewish Agency, nach der Befreiung von Auschwitz zurück nach Berlin gebracht. Man hielt sie bereits für tot, wird ihr später erzählt, nur deshalb habe sie überlebt.

Nellys Gesicht ist durch Schussverletzungen so entstellt, dass der Chirurg ihr zu einem ganz neuen Aussehen rät: "Zarah Leander ist sehr beliebt." Und: "Da draußen laufen ja gerade jede Menge Herrschaften herum, die gerne ein neues Gesicht hätten." Nicht jedoch Nelly, der das eigene Ich gewaltsam geraubt wurde. "Ich möchte genauso aussehen wie früher", beharrt sie.