Mit dem Samuraischwert ab durch die Synapsen

Ein Dorf in der ostdeutschen Provinz, irgendwo an der Grenze zu Polen. Schon in den Vorgärten regiert der Horror: Gartenzwerge, Plastik-Flamingos, gestutzte Rasenflächen. Von den Bewohnern sieht man wenig. Eine Bande Halbstarker hänselt den kaum älteren Polizeibeamten Jakob (Michel Diercks). Bedrohlich nah rückt das Dunkle an die Siedlung. Dichter Forst umgibt die brav an der Straße aufgereihten Häuser. Ein Wolf treibt dort angeblich sein Unwesen; mit Plastiktüten voller Fleischabfälle will der ernsthafte Jakob ihn fernhalten. Dann kommt die Nacht.

Zwischen Piefigkeit und vagem Schrecken changiert die Stimmung von Der Samurai. Wobei die Frage bleibt, welcher Schrecken größer ist – der der einschnürenden Realität oder der der Finsternis. Die Grenze zwischen dem Normalen und dem Numinosen fließt jedenfalls, und im Laufe einer Nacht verschiebt sie sich merklich in Richtung der dunklen Mächte. Schon bald ist es nicht weiter verwunderlich, dass ein drahtiger Transvestit in einem weißen Sommerkleid auftaucht, der mit wölfischem Grinsen, erheblicher destruktiver Energie und einem Samurai-Schwert nicht nur Gartenzwergen den Garaus macht. 

Jakob will ihm eigentlich Einhalt gebieten. Nur merkt er bald, dass der Fremde es gar nicht auf ihn abgesehen hat, sondern ihn zu einem makabren Tanz auffordert. Verschüttete Gefühle brechen sich Bahn, und bald fällt es dem jungen Beamten immer schwerer, Gesetz und Ordnung über sein eigenes Verlangen zu stellen. Eine äußerst blutige Odyssee durch die Nacht beginnt, während der der Wahnsinn zunehmend die Oberhand gewinnt. Oder werden wir nur Zeuge einer lange aufgeschobenen Verwandlung?

Till Kleinerts Langfilm-Debüt feierte in der Berlinale-Sektion "Perspektive Deutsches Kino" seine Premiere. Seitdem hat es einen erstaunlich erfolgreichen Weg durch die internationale Festival-Szene gemacht. Dort wurde Der Samurai nicht nur wegen seiner ganz eigenen Tonalität bestaunt, sondern auch als seltenes Beispiel für einen Horrorfilm aus Deutschland. Schließlich ist das Genre – wie Genrefilme überhaupt – nicht gerade eine Qualität hiesigen Filmschaffens, wenn man von der Mainstream-Komödie mit Til Schweiger & Matthias Schweighöfer mal absieht.


In den letzten Jahren erschienen deutsche Horrorfilme so häufig wie Schneestürme im August, und obwohl einige von ihnen unbestreitbare Qualitäten hatten – der Endzeit-Thriller Hell (2011) etwa oder Dennis Gansels Vampir-Drama Wir sind die Nacht (2010) – fehlte ihnen doch das Eigene, wirkten sie immer wie eine lahme Kopie amerikanischer Vorbilder. Merkwürdig. Ausgerechnet dem Land, das während der Stummfilm-Ära mit Nosferatu (1922) und vielen anderen Beispielen den Horrorfilm erfunden hatte, ist seine Tradition abhanden gekommen.

Till Kleinert kombiniert nun altbekannte Motive: Die Provinz, eine Frau allein im Auto, die Biker-Gang. Gerade das Mischen von Stanzen macht ja den Genrefilm aus. Aber wie Kleinert sie in Der Samurai in eine ganz spezifische Lebenswirklichkeit einbettet und verfremdet, das ist unerhört und macht seinen Film so aufregend. Er orientiert sich eben nicht an internationalen Produktionen, sondern findet seinen  eigenen Ton. Wer möchte, kann immerhin – sicher nicht stilistisch, aber doch thematisch – eine entfernte Verwandtschaft mit dem deutschen Expressionismus entdecken.

Jetzt im Kino: Synapsensprengender Irrsinn aus Deutschland

Das Unbewusste geisterte schon dort in Form von Golems, Somnambulen und Vampiren über die Bildfläche. Der Horror des Weimarer Kinos war die irre Angst vor dem Fremden im Selbst, vor dem unguten Gefühl, dass das Selbst überhaupt nur eine Konstruktion sein könnte. Vorgänge der Seele modellierte das noch junge Kino zu (Alb-)Traumwelten, während C.G. Jung zur gleichen Zeit seine Theorie des kollektiven Unbewussten entwickelte und schrieb: "Ob ich nun an einen Dämon des Luftreichs glaube oder an einen Faktor im Unbewussten, welcher mir einen teuflischen Streich spielt, ist völlig irrelevant. Die Tatsache, dass der Mensch von fremden Mächten in seiner eingebildeten Einheitlichkeit bedroht ist, bleibt nach wie vor dieselbe." Auf ihn bezieht sich Till Kleinert ausdrücklich in einem Text zu Der Samurai.

Das Verdrängte, das im Unbewussten weiter wirkt und zu psychischen Leiden führt, es nimmt in Der Samurai eine ganz konkrete Form an. Das ist trivial und wunderbar zugleich und schafft einen Filmstoff irgendwo zwischen Twin Peaks, Horror-Trash und Kunstkino, wie man ihn hierzulande lange nicht mehr gesehen hat. Im letzten Drittel hebt der Film völlig ab, wird halluzinogener Veitstanz, schillernde Ekstase und kosmisches Blutbad. Ob dieser Trip nun zur Läuterung führt oder ein barbarischer Akt der endgültigen Selbstvernichtung ist, bleibt offen.

Schön also, das solch ein synapsensprengender Irrsinn aus Deutschland nun ganz regulär in die Kinos kommt. An den hiesigen Filmemachern liegt es dabei sicher nicht, dass Der Samurai eine solche Ausnahmeerscheinung ist. Dass ihre Imagination sprüht, beweist auch ein so ungewöhnlicher deutscher Film wie Love Steaks. Das von Gremien und Fernsehsendern beherrschte deutsche Modell der Filmförderung verhindert jedoch offensichtlich das Entwickeln von Stoffen jenseits des Konsens' und so genannten guten Geschmacks. Die beiden genannten Filme entstanden jedenfalls als Abschlussarbeiten an Filmhochschulen. Von der Filmförderung waren sie abgelehnt worden.