"Das Experimentelle wird aus der Primetime vertrieben"

ZEIT ONLINE: Herr Graf, Ihr Film Die geliebten Schwestern ist gerade der deutsche Kandidat für den Oscar. Finden Sie es absurd, wenn wir jetzt über Ihren Starnberg-Krimi Die reichen Leichen sprechen?

Dominik Graf: Nein, Die geliebten Schwestern waren ja schon letztes Jahr fertig. Deshalb ist der Starnberg-Film jetzt das aktuellere Projekt. Ich weiß gar nicht, was an dem Schiller-Film so oscarwürdig sein soll. Aber egal.

ZEIT ONLINE: Die reichen Leichen ist ein typischer Heimatkrimi. Ein Genre, das ja inzwischen zum Schimpfwort verkommen ist. Wollen Sie wieder mal ein Klischeeformat sprengen?

Graf: Ich kann darin kein Klischee sehen. Polizeithriller waren für mich immer automatisch Heimatkrimis. All meine München- und Duisburg-Tatorte oder Berlin-Thriller haben sich mit dem Verbrechen und der dazugehörigen Stadtlandschaft beschäftigt. Schauen Sie sich die großen Polizeithriller aus den USA an: Florida, New York, L.A., das sind die Orte, die die Handlung bestimmen. True Detective, für mich seit Längerem wieder mal ein Höhepunkt der amerikanischen Serienkultur, ist total mit Louisiana, den Ölraffinerien und den wahnwitzigen Sümpfen verbunden. Heimatkrimi schreibt man nur über etwas drüber, was es ohnehin schon ist.

ZEIT ONLINE: True Detective spielt viel mit den mystischen Elementen der Landschaft. Das tun Sie in ihrem Starnberg-Krimi auch. Am nebligen Seeufer wird ein totes König-Ludwig-Double angeschwemmt. Meine Lieblingsszene ist die, in der fanatische König-Ludwig-Anhänger in Ku-Klux-Klan-Kutten wilde Schwäne auf den LKA-Kripo-Mann hetzen.

Graf: Ich habe während der Dreharbeiten viel über Starnberg gelernt. Das ganze Ausmaß des Starnberg-Ludwig-Mythos zum Beispiel. Ich habe auch Landschaften, Stimmungen und Nebel erlebt, die unfassbar schön waren und die mit dem, was wir erzählen wollten, gut zusammenpassten.

ZEIT ONLINE: Warum eigentlich Starnberg? Ist das nicht einer der spießigsten Orte der Republik?

Graf: Nein, ganz im Gegenteil. Man sollte nicht glauben, dass sich dort nur benachbarte Millionäre ständig gegenseitig die Biotonne auf den Kopf hauen. Der örtliche Polizeichef hat dem Drehbuchautor Sathyan Ramesh und mir die ganze Palette der lokalen Kriminalität aufgezeigt. Drogen waren lange Zeit ein extremes Problem. In den Neunzigern hat sogar das organisierte Verbrechen versucht, sich dort breitzumachen.

ZEIT ONLINE: Das Angesicht des Verbrechens ist also auch in Starnberg zu sehen?

Graf: (lacht) Naja ... Mal sehen. Ich glaube, die Mafia ist schon längst wieder ganz woanders.

ZEIT ONLINE: Sie werden immer wieder als Rettung des deutschen Fernsehfilms gefeiert. Geht Ihnen das manchmal schon selbst auf die Nerven?

Graf: Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen Kino und Fernsehen. Als ich mit der Regie anzufangen versuchte, war das deutsche Kino besetzt durch die Generation der Autorenfilmer. Das war eine Art von Kino, die mich nur selten interessiert hat. Die deutschen Filme, die ich toll fand, liefen alle im Fernsehen.

ZEIT ONLINE: Welche waren das?

Graf: Einige frühe Tatorte der Siebziger, mit Hansjörg Felmy zum Beispiel, die Hamburger Filme von Klaus Lemke und die Serien von Fritz Umgelter. Deutscher Film fand für mich im Fernsehen statt, in kleinen Formen, 60-Minütern. Die Figuren und Konflikte dort waren mir näher als das Autorenkino und dessen internationale Erfolge.

ZEIT ONLINE: Sie selbst haben auch viel beachtete Tatort-Folgen gedreht. Wie erklären Sie sich, dass die Serie gerade bei jüngeren Zuschauern ein erstaunliches Revival feiert?

"Die sitzen mental mit ihren Omis und Opis auf der Couch und twittern ein bisschen rum"

Graf: Ich habe das Gefühl, die sitzen mental mit ihren Omis und Opis auf der Couch und twittern dabei so ein bisschen rum. Das ist eher Nostalgie. Aber so kann das Erzählen nicht weiterentwickelt werden, sondern muss zwangsläufig möglichst museal bleiben, damit niemand überfordert wird.

ZEIT ONLINE: Deshalb war die Aufregung – unter anderem im Netz – auch so groß über Ihren München-Tatort Aus der Tiefe der Zeit 2013? Sie hatten zum Beispiel gewagt, einen eigenen Vorspann zu drehen.

Graf: Der Tatort-Vorspann war so, wie er immer war. Ich habe nur für den Film noch mal einen eigenen kleinen Vorspann gemacht, um in die Geschichte einzuführen.

ZEIT ONLINE: Das war offensichtlich schon zu viel für viele Zuschauer.

Graf: Dass die Avantgarde und das Experimentelle aus der Primetime vertrieben werden und das auch noch von jüngeren Leuten, ist ein kulturelles Problem. Man muss einfach weiter das machen, woran man glaubt, egal was irgendwer sagt oder bloggt.

ZEIT ONLINE: Während der Ausstrahlung haben Sie im ARD-Chat mit den Zuschauer diskutiert. Was war das für eine Erfahrung?

Graf: Die Leute, die Gebühren zahlen, haben natürlich das Recht, ihre Meinung zu äußern, von mir aus auch unverschämt. Sie kriegen dann halt die entsprechenden Antworten. Das Problem ist nur, was die Sender mit diesen Aussagen machen. Letztlich äußerten sich von den 9,5 Millionen Zuschauern, die mein Tatort hatte, etwa 10.000 Leute. Manche davon schreiben einem an so einem Abend anonym Dinge, mit denen sie sich strafbar machen könnten. Wenn also der Sender dies für Basisdemokratie hält und dementsprechend dann sein Programm umbaut, dann haben wir ein Problem mit den Leuten im Sender. Wenn die sich nur noch bei ihren Leserbriefschreibern anbiedern, dann ist das für die Kreativität und für die Weiterentwicklung von Formaten und Erzähltechniken ein Hindernis.

ZEIT ONLINE: Hat die ARD danach gesagt: Herr Graf, jetzt machen wir erst mal keinen Tatort mehr zusammen?

Graf: Ich glaube, nach so einer Veranstaltung ist klar, dass der Tatort vielleicht kein Ort mehr ist, an dem man so erzählen kann, wie ich das gerne tun würde.

ZEIT ONLINE: Netflix wird gerade als neue Hoffnung auf dem deutschen Fernsehmarkt gefeiert und als Chance für die etablierten Sender verstanden, wieder experimenteller und kreativer zu werden. Wie sehen Sie das?

Graf: Ob Netflix eine Chance ist, wird man nur daran sehen, ob das öffentlich-rechtliche Fernsehen merkt, dass sie auf ganz hohen künstlerischen Standard kommen müssen, um dort mithalten zu können.

Das öffentlich-rechtliche TV ist ausgeweidet und ausgebeutet

ZEIT ONLINE: Glauben Sie noch an eine Revolution im deutschen Fernsehen? Oder ist das ohnehin schon tot?

Graf: Es starb über viele Jahre hinweg so langsam, dass man es nicht merkte. Jetzt beschleunigt sich die Entwicklung. Das öffentlich-rechtliche TV ist wie ein großes Tier, das noch etwas weiter existiert, auch wenn es schon ausgeweidet und ausgebeutet ist. In den Sendern gibt es Bestrebungen, die nun endgültig letale Folgen haben könnten.

ZEIT ONLINE: Welche denn?

Graf: Das ist eigentlich Eure Aufgabe, das herauszufinden. Ich frage mich, warum Journalisten immer die Kreativen danach fragen, was mit dem Fernsehen nicht stimmt. Geht doch zu den Sendern und guckt mal in den oberen Stockwerken, welche Pläne die Intendanten in der Schublade haben. Wir sind nicht dazu da, das Medium zu kritisieren, für das wir arbeiten. Ich mache meine Filme und bin froh, solange ich sie noch machen kann.

ZEIT ONLINE: Gehen wir doch noch mal zurück zum Publikum. Wenn Sie einen experimentellen Tatort machen und die Leute sich reihenweise beschweren, könnte man ja auch sagen: Das Publikum will das gar nicht. Dann liegt es an uns Zuschauern.

Graf: Da sagt die Rezeptionswissenschaft aber etwas anderes. Man kann ja bewusst Ansprüche heben oder senken, man kann Leute systematisch verblöden oder gescheiter machen. Das gilt auch für Serien. Jetzt jubeln gerade alle: Ui, es gibt deutsche Mini-Serien! Doch diese Mini-Serien müssen zeitgeistmäßig vielleicht nun möglichst genau dem Muster der plotpointgehetzten amerikanischen Serien entsprechen. Insofern sind sie eben nicht innovativ – verglichen mit den deutschen epischen Groß-Serien der Sechziger und Siebziger, die einfach gemacht wurden, ohne Marktforschung.

Es sind zu viele bürokratische Köche am Ruder.
Dominik Graf

ZEIT ONLINE: Viele junge Leute gucken sich wieder gerne alte Serien aus den Siebzigern und Achtzigern an – finden Sie das gut oder ist das auch wieder nur so ein Nostalgie-Ding?

Graf: Nein, das stimmt mich zaghaft optimistisch, denn die deutsche Serienkultur hatte mal eine unglaubliche Freiheit, sich zu entwickeln. Auch die Kriminalserien, von Stahlnetz über den Kommissar zum viel geschmähten Derrick. Da sind Sachen ausprobiert worden, da schlackert man heute mit den Ohren, wenn man die sieht. Da sind die heutigen Tatorte Kindersendungen dagegen.

ZEIT ONLINE: Warum ist das heute nicht mehr ohne Weiteres möglich?

Graf: Weil überall zu viele bürokratische Köche am Ruder sind. Und die fördern eben meistens die größere Quote oder das kleinste gemeinsame Vielfache. Jetzt wollen ja auch die Filmförderungen Marketing-Kriterien einführen, bevor ein Filmstoff bewilligt wird. Das ist der Tod der Kreativität. Dann ist gar nichts mehr möglich, denn am Ende bestimmen immer nur Roland-Berger-Apparatschiks, ob man einen Film machen kann oder nicht. Grotesk!

ZEIT ONLINE: Damit wären wir wieder bei Netflix. Die Serie House of Cards wurde ja genau nach den Interessen der Zuschauer produziert.

Graf: Mir wäre lieber gewesen, House of Cards wäre aus der wilden Idee eines einzelnen Drehbuchautors entstanden und ein Netflix-Mitarbeiter hätte einfach gesagt: Genau so machen wir es. Ich glaube nicht, dass man innovativ sein kann, indem man den Zuschauer fragt, was er will.

"Die reichen Leichen - Ein Starnberg-Krimi" läuft am Samstag, 18. Oktober 2014, im Bayerischen Rundfunk; der "Polizeiruf 110 – Smoke on the Water" mit Matthias Brandt am Sonntag, 19. Oktober, um 20.15 Uhr im Ersten.