Graf: Ich habe das Gefühl, die sitzen mental mit ihren Omis und Opis auf der Couch und twittern dabei so ein bisschen rum. Das ist eher Nostalgie. Aber so kann das Erzählen nicht weiterentwickelt werden, sondern muss zwangsläufig möglichst museal bleiben, damit niemand überfordert wird.

ZEIT ONLINE: Deshalb war die Aufregung – unter anderem im Netz – auch so groß über Ihren München-Tatort Aus der Tiefe der Zeit 2013? Sie hatten zum Beispiel gewagt, einen eigenen Vorspann zu drehen.

Graf: Der Tatort-Vorspann war so, wie er immer war. Ich habe nur für den Film noch mal einen eigenen kleinen Vorspann gemacht, um in die Geschichte einzuführen.

ZEIT ONLINE: Das war offensichtlich schon zu viel für viele Zuschauer.

Graf: Dass die Avantgarde und das Experimentelle aus der Primetime vertrieben werden und das auch noch von jüngeren Leuten, ist ein kulturelles Problem. Man muss einfach weiter das machen, woran man glaubt, egal was irgendwer sagt oder bloggt.

ZEIT ONLINE: Während der Ausstrahlung haben Sie im ARD-Chat mit den Zuschauer diskutiert. Was war das für eine Erfahrung?

Graf: Die Leute, die Gebühren zahlen, haben natürlich das Recht, ihre Meinung zu äußern, von mir aus auch unverschämt. Sie kriegen dann halt die entsprechenden Antworten. Das Problem ist nur, was die Sender mit diesen Aussagen machen. Letztlich äußerten sich von den 9,5 Millionen Zuschauern, die mein Tatort hatte, etwa 10.000 Leute. Manche davon schreiben einem an so einem Abend anonym Dinge, mit denen sie sich strafbar machen könnten. Wenn also der Sender dies für Basisdemokratie hält und dementsprechend dann sein Programm umbaut, dann haben wir ein Problem mit den Leuten im Sender. Wenn die sich nur noch bei ihren Leserbriefschreibern anbiedern, dann ist das für die Kreativität und für die Weiterentwicklung von Formaten und Erzähltechniken ein Hindernis.

ZEIT ONLINE: Hat die ARD danach gesagt: Herr Graf, jetzt machen wir erst mal keinen Tatort mehr zusammen?

Graf: Ich glaube, nach so einer Veranstaltung ist klar, dass der Tatort vielleicht kein Ort mehr ist, an dem man so erzählen kann, wie ich das gerne tun würde.

ZEIT ONLINE: Netflix wird gerade als neue Hoffnung auf dem deutschen Fernsehmarkt gefeiert und als Chance für die etablierten Sender verstanden, wieder experimenteller und kreativer zu werden. Wie sehen Sie das?

Graf: Ob Netflix eine Chance ist, wird man nur daran sehen, ob das öffentlich-rechtliche Fernsehen merkt, dass sie auf ganz hohen künstlerischen Standard kommen müssen, um dort mithalten zu können.