ZEIT ONLINE: Glauben Sie noch an eine Revolution im deutschen Fernsehen? Oder ist das ohnehin schon tot?

Graf: Es starb über viele Jahre hinweg so langsam, dass man es nicht merkte. Jetzt beschleunigt sich die Entwicklung. Das öffentlich-rechtliche TV ist wie ein großes Tier, das noch etwas weiter existiert, auch wenn es schon ausgeweidet und ausgebeutet ist. In den Sendern gibt es Bestrebungen, die nun endgültig letale Folgen haben könnten.

ZEIT ONLINE: Welche denn?

Graf: Das ist eigentlich Eure Aufgabe, das herauszufinden. Ich frage mich, warum Journalisten immer die Kreativen danach fragen, was mit dem Fernsehen nicht stimmt. Geht doch zu den Sendern und guckt mal in den oberen Stockwerken, welche Pläne die Intendanten in der Schublade haben. Wir sind nicht dazu da, das Medium zu kritisieren, für das wir arbeiten. Ich mache meine Filme und bin froh, solange ich sie noch machen kann.

ZEIT ONLINE: Gehen wir doch noch mal zurück zum Publikum. Wenn Sie einen experimentellen Tatort machen und die Leute sich reihenweise beschweren, könnte man ja auch sagen: Das Publikum will das gar nicht. Dann liegt es an uns Zuschauern.

Graf: Da sagt die Rezeptionswissenschaft aber etwas anderes. Man kann ja bewusst Ansprüche heben oder senken, man kann Leute systematisch verblöden oder gescheiter machen. Das gilt auch für Serien. Jetzt jubeln gerade alle: Ui, es gibt deutsche Mini-Serien! Doch diese Mini-Serien müssen zeitgeistmäßig vielleicht nun möglichst genau dem Muster der plotpointgehetzten amerikanischen Serien entsprechen. Insofern sind sie eben nicht innovativ – verglichen mit den deutschen epischen Groß-Serien der Sechziger und Siebziger, die einfach gemacht wurden, ohne Marktforschung.

Es sind zu viele bürokratische Köche am Ruder.
Dominik Graf

ZEIT ONLINE: Viele junge Leute gucken sich wieder gerne alte Serien aus den Siebzigern und Achtzigern an – finden Sie das gut oder ist das auch wieder nur so ein Nostalgie-Ding?

Graf: Nein, das stimmt mich zaghaft optimistisch, denn die deutsche Serienkultur hatte mal eine unglaubliche Freiheit, sich zu entwickeln. Auch die Kriminalserien, von Stahlnetz über den Kommissar zum viel geschmähten Derrick. Da sind Sachen ausprobiert worden, da schlackert man heute mit den Ohren, wenn man die sieht. Da sind die heutigen Tatorte Kindersendungen dagegen.

ZEIT ONLINE: Warum ist das heute nicht mehr ohne Weiteres möglich?

Graf: Weil überall zu viele bürokratische Köche am Ruder sind. Und die fördern eben meistens die größere Quote oder das kleinste gemeinsame Vielfache. Jetzt wollen ja auch die Filmförderungen Marketing-Kriterien einführen, bevor ein Filmstoff bewilligt wird. Das ist der Tod der Kreativität. Dann ist gar nichts mehr möglich, denn am Ende bestimmen immer nur Roland-Berger-Apparatschiks, ob man einen Film machen kann oder nicht. Grotesk!

ZEIT ONLINE: Damit wären wir wieder bei Netflix. Die Serie House of Cards wurde ja genau nach den Interessen der Zuschauer produziert.

Graf: Mir wäre lieber gewesen, House of Cards wäre aus der wilden Idee eines einzelnen Drehbuchautors entstanden und ein Netflix-Mitarbeiter hätte einfach gesagt: Genau so machen wir es. Ich glaube nicht, dass man innovativ sein kann, indem man den Zuschauer fragt, was er will.

"Die reichen Leichen - Ein Starnberg-Krimi" läuft am Samstag, 18. Oktober 2014, im Bayerischen Rundfunk; der "Polizeiruf 110 – Smoke on the Water" mit Matthias Brandt am Sonntag, 19. Oktober, um 20.15 Uhr im Ersten.