Die faszinierende Bräsigkeit des American Boy – Seite 1

Nick Dunne ist, was man etwas abfällig einen All-American-Boy nennt: geboren im mittleren Westen, dem amerikanischen heartland, auf konventionelle Weise gutaussehend, als Schreiber halbwegs erfolgreich ohne übermäßige Ambitionen, charmant, aber auch etwas tumb. Nur seine Studentinnen kann er mit der Masche beeindrucken.

Seine Frau Amy kann davon ein Lied singen. Als sich die beiden kennenlernten, die Liebe noch neu und aufregend war, da hatte ihre Beziehung dieses gewisse Feuer: amouröse Schnitzeljagden, Quickies in der Bibliothek, das ganze Programm. Amy ist das reale Vorbild für die populäre Kinderbuchfigur "Amazing Amy", mit der ihre kontrollsüchtigen Therapeuteneltern die Kindheit ihrer einzigen Tochter publikumswirksam vermarkten. Irgendwann beginnt es zu kriseln zwischen Amy und Nick. Erst verlieren beide ihre Jobs, dann erkrankt seine Mutter an Krebs, schließlich folgt der Umzug zurück in Nicks Geburtsort im beschaulichen Missouri. Amy zieht sich währenddessen aus ihrer erodierenden Ehe und dem Leben zurück. Als Nick eines Tages nach Hause kommt, ist seine Frau tatsächlich spurlos verschwunden.

Rasch stellt sich in Gone Girl – Das perfekte Opfer die Frage, ob Nick seine Frau noch liebt, denn die wird gleichbedeutend mit der Frage, ob er sie umgebracht hat. Nick zeigt zunehmend Eigenschaften eines Soziopathen. Bei der landesweit übertragenen Pressekonferenz steht er eigenschafts- und empathielos zwischen den Schwiegereltern und gewährt im Licht der Öffentlichkeit Einblicke in seine Abgründe.

Der Clou besteht darin, dass der Regisseur David Fincher die Rolle des belämmerten Ehemanns mit dem notorisch unterschätzten Ben Affleck besetzt hat. Sein Nick Dunne vereint alle Eigenschaften, die die niederträchtige Fraktion des Gossip-verliebten Kinopublikums schon immer leidenschaftlich an Affleck gehasst hat – bis hin zur begehrenswerten Traumfrau, die der missgünstige Pöbel dem schnöseligen Schönling neidete. Noch vor der Ära des Supercouples "Brangelina" scheiterte Affleck schon mit dem Modell "Bennifer".

Man darf also von einem durchaus inspirierten Typecasting sprechen. Ben Affleck ist in der Rolle Nick Dunnes – untreuer Ehemann, Mordverdächtiger und schließlich Opfer eines hysterischen Medienmobs – der ganz große Wurf. Nie war bräsige, leicht unterbelichtete, amerikanische Mittelmäßigkeit faszinierender zu begutachten. Nick nimmt die Zentralperspektive von Finchers Film ein, was ihn allerdings genauso wenig zur Vertrauensperson qualifiziert wie seine perfekte Gattin, die mit eingestreuten Tagebucheinträgen sukzessive Zweifel an der Unschuld ihres Mannes sät.

Die faszinierende Bräsigkeit des American Boy – Seite 2

Dazu wacht die sensationsgeile Medienöffentlichkeit in Person einer blonden Klatschjournalistin über die moralische Deutungshoheit im Fall "Amazing Amy". Ob Nick seine Frau geliebt hat, entscheidet hier buchstäblich über Leben und Tod. Denn in Missouri, das wissen auch die Moderatorinnen des Frühstücksfernsehens, wird noch die Todesstrafe praktiziert.

David Fincher ist der unzuverlässige Erzähler unter US-amerikanischen Blockbuster-Regisseuren. Bei ihm muss man besonders dann auf der Hut sein, wenn die Mechanik der Geschichte wie ein Uhrwerk arbeitet und erzählerische Details so reibungslos ineinander greifen, dass seine fluiden Montagen eine geradezu unheimliche Plausibilität suggerieren. Er beherrscht diese Techniken der Suggestion virtuos wie kein Zweiter in Hollywood. Arbeitet er mit Material von wortgewaltigen Autoren wie Chuck Palahniuk (Fight Club) oder Aaron Sorkin (The Social Network), erzeugt diese Verschaltung eine hypnotische Sogwirkung. Problematisch wird es, wenn Fincher wie in Der seltsame Fall des Benjamin Button eine Kurzgeschichte zu visuellem Kintopp aufdonnert.

Gillian Flynns Bestseller Gone Girl liegt irgendwo dazwischen: ein gut gebautes Stück Pulp. Die Sorte von "Übergangsliteratur", die in Buchhandlungen auf Flughäfen und Bahnhöfen reißenden Absatz findet. Fincher veredelt diese Gebrauchsprosa Flynns mit einer luxuriösen Inszenierung und sich wohldosiert verausgabenden Darstellern, die ihre Charaktere gerade seriös genug verkörpern, um deren Selbstdemontage nicht zu augenscheinlich zu forcieren. Neben Affleck tut dies Rosamunde Pike. Ihre Figur erinnert entfernt an die Sorte Psychobitch, mit der Glenn Close in Eine verhängnisvolle Affäre auf einen Schlag Generationen von aufgeklärten Feministinnen desavouierte.

Am Ende seines Thrillers stellt Fincher sogar noch eine Interpretation in den Raum, die an Perfidie kaum zu überbieten ist. Nein wirklich, Frauenversteher Nick und die blendende Amy verdienen einander. Bis dass der Tod sie scheidet.