Wenn sich die Nebelschwaden wieder über das Land breiten und die Nächte länger werden, kehren sie zurück, die Vampire. Halloween beschwört sie herauf. Was einst ein Fest zum Gedenken der Verstorbenen war, ist heute bloße Marketingmaßnahme, um konsumfertige Untote und plastifizierten Aberglauben zu verkaufen. Dagegen hilft kein Knoblauch.

Wir haben den glitzernden Edward Cullen und seine Twilight-Saga überlebt; konnten gerade noch rechtzeitig wegschalten, bevor uns die Vampire Diaries und The Originals wider Willen in ihren Bann geschlagen hätten; True Blood schließlich fesselte uns schwül-verzwickte sieben Staffeln lang. Nach all dem postmodernen wie postpubertären Gesauge zeigen einige von Draculas Wiedergängern in diesem Herbst immerhin auch wieder Mut zum Alter, zu Staub, Patina und Ornament. Zumindest in zweien der aktuellen filmischen Vampir-Erscheinungen geht es nicht darum, Dracula in seinem Dasein zu bestaunen, sondern sein Sosein zu verstehen.

In der Rückblende ist zu erkennen, wie diese Kreatur entstand, wie der Mensch zum Vampir wurde. Weil er allein mit humaner Kraft nicht gegen die Übel der Welt ankämpfen konnte oder weil er durch ungerechte Hand den Tod fand, noch bevor er seinem Leben einen Sinn geben konnte. Er bezahlt seine überirdische Macht mit dem Fluch des ewigen Lebens und unstillbaren Blutdursts. Dracula ist ein Gefallener aus verlorener Ehre. So verwundert es kaum, dass der Vampir, wie er jetzt im Kinofilm Dracula Untold und in der Fernsehserie Dracula dargestellt wird, ans Mitgefühl der Zuschauer appelliert. Beide Fassungen nehmen Bezug auf den großen, 1897 veröffentlichten Roman von Bram Stoker.

Kriegsmonster mit edlen Motiven

Dracula Untold erzählt in recht kurzweiligen 90 Minuten vom Sündenfall des transsilvanischen Fürsten Vlad im 16. Jahrhundert. Um sein Volk ohne eigene Armee gegen die Osmanen verteidigen zu können, geht Vlad (Luke Evans) einen Pakt mit dem Teufel in Gestalt des Urvampirs ein. Der Fürst wird zum Kriegsmonster, aber er mordet aus edlen Motiven. Doch die Geschichte kann nicht gut ausgehen: Die Türken entführen seinen Sohn und zwingen Vlad schließlich dazu, seine Ehefrau Mirena zu töten.

Der schmerzliche Verlust der großen Liebe verbindet den Kinofilm motivgeschichtlich mit der Fernsehserie Dracula, wenn auch Jahrhunderte zwischen ihnen liegen: In der feinen Gesellschaft des viktorianischen London taucht ein gewisser Alexander Grayson auf, gespielt von Jonathan Rhys Meyers. Er gibt sich aus als reicher amerikanischer Industrieller, als Wissenschaftsbegeisterter. Tatsächlich ist er gekommen, um sich am sogenannten Drachenorden zu rächen, der ihn vor langer Zeit zum Vampir gemacht und seine Geliebte Mina auf dem Scheiterhaufen verbrannt hat.