Nichts deutet auf das nahe Unheil hin: In der ersten Szene des Films feiert die Richterin auf der Berliner Fanmeile, umarmt einen Kollegen, jubelt über ein deutsches Tor bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2010. Sie wirkt gelöst, fröhlich, glücklich. Eine männliche Stimme aus dem Off erzählt: "Sie hatte wie immer dieses grandiose Lächeln, mit dem sie alle um den Finger wickeln konnte." Dann verschwindet die Frau im Park. "Sie ging einfach weg", sagt die Stimme. Ein paar Tage später ist sie tot, sie hat sich im Tegeler Forst erhängt.

 

Der Film Das Ende der Geduld nach dem gleichnamigen Buch von Kirsten Heisig will der Berliner Jugendrichterin ein Denkmal setzen, der Abspann weist darauf hin: "In memoriam Kirsten Heisig." Sie war eine sehr bekannte und sehr umstrittene Kämpferin gegen Jugendkriminalität, Erfinderin des "Neuköllner Modells", in dessen Mittelpunkt das beschleunigte vereinfachte Jugendverfahren für kleinere Delikte steht. In ihrem Buch und in der Wirklichkeit stritt sie um den richtigen Umgang mit kriminellen Jugendlichen und Migranten. Sie vertrat lautstark Thesen wie diese: Arabische Jugendliche stellten die Mehrheit der Intensivtäter und schwerkriminelle Jugendliche hätten zu etwa 90 Prozent einen Migrationshintergrund. Das Ende der Geduld erschien nach ihrem Tod und gelangte auf die Bestsellerlisten. Es war, als hätten Heisigs Thesen nach ihrem Selbstmord an Wucht gewonnen.

Im Film heißt die Richterin Corinna Kleist und wird von Martina Gedeck gespielt. Sie läuft mit Sonnenbrille und in engen Röcken durch die dunklen Gerichtsflure – zu schick für den grauen Juristenalltag. Wie die reale Kirsten Heisig übernimmt sie den Berliner Bezirk Neukölln, der im Film als Problemviertel mit hohem Migrationsanteil gezeigt wird. Libanesische Großclans terrorisieren Lehrer, Direktoren, Polizisten, Familien. Sie dealen, vergewaltigen, liefern sich Autojagden, bekommen Geld vom Amt und vor allem werden sie nie für eine ihrer Taten verurteilt. Ein Araberland, in dem die deutschen Gesetze nicht wirken.

"Sie brauchen kein Geld, sie brauchen einen Deutschkurs"

Die Jugendrichterin Corinna Kleist rast unentwegt durch den Bezirk, besucht Schulen, Eltern, die Polizei, wo man sich wundert: "War schon mal eine Jugendrichterin auf der Wache?" Wie Heisig initiiert Kleist Elternversammlungen für türkische und arabische Familien, auf der sie einer Mutter ins Gesicht sagt: "Sie brauchen kein Geld, sie brauchen einen Deutschkurs." Worauf diese sich abwendet und ausspuckt. Besonders um eine libanesische Familie kümmert sich die Jugendrichterin, der älteste Sohn, "der Prinz von Neukölln", ist Intensivtäter und kontrolliert den Drogenhandel, sein jüngerer Bruder Rafiq wird 14, also strafmündig – ihn will die Richterin retten.

Es ist, als sehe man einer Frau beim fortwährenden Hyperventilieren zu. Martina Gedeck spielt diese Getriebene mit großer Intensität. Wie Heisig sinkt die Figur langsam in sich zusammen, gräbt sich immer mehr ein, schluckt heimlich Tabletten, man weiß nicht, wofür oder wogegen. Alles wird zu viel, aber Kleist kann nicht aufhören. Auf den Gerichtsboten, der ihr in Berliner Jargon täglich "Kippchen?" oder  "Käffchen?" anbietet, reagiert sie schwer genervt. Entspannung, Abschalten ist nicht mehr möglich, alles erscheint immer so wichtig.

In diesen Augenblicken kommt der Film der Figur Heisig sehr nahe. Eine Frau, die sich aufzehrt. In einer Szene sagt sie zu ihrem Kollegen: "Distanz kann ich nicht." Distanz zu wahren ist aber das Idealbild eines deutschen Juristen, davon hat sich diese Jugendrichterin am Ende weit entfernt. Ihre Kollegen begegnen ihr daher eher skeptisch, besonders einer, der still in sie verliebt ist, vertritt liberale Ansichten zum Jugendstrafrecht und zum Umgang mit Jugendkriminalität. Leider nimmt der Film diese anderen Meinungen nicht ernst genug. Wenn der Kollege äußert: "Das wächst sich aus", klingt das wie die Karikatur eines 68ers.